Tag-Archiv für 'letztes Konzert'

Seit Ursache und Wirkung das beste Team

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Foto: schoenswetter

Dortmund, Samstag 21.00 Uhr. Eine kleine Gruppe komplett schwarz gekleideter junger Menschen trifft sich um gemeinsam dem letzten Aufbäumen des deutschen kopflastigen Hip-Hop beizuwohnen und ihn danach zu Grabe zu tragen. Ganz so schlimm war es nicht, doch in den Köpfen der Angereisten war dieses Bild allgegenwärtig. Denn die Kinderzimmer Productions haben sich eingefunden um ein letztes Mal ihre Kunst zu zelebrieren und sich danach in einem rein privatem Leben zu zerstreuen.
Daher könnte man auch vermuten, daß das Konzerthaus Dortmund, welches normalerweise klassische Konzerte beherbergt und somit ein ungewohnter, dafür um so reizvollerer Ort für Hip-Hop ist, ausverkauft war. Doch dem war nicht so. Die Fans, deren Freunde wenig Organisationstalent hatten, verschenkten teilweise die zuviel gekauften Karten – an einen Verkauf war nicht zu denken. Unfassbar, wenn man sich das gebotene vor Augen führt. Sehr viel fassbarer wird dadurch aber der Entschluss von Textor und Quasi Modo keine weitere Energie in ihre Musik zu stecken. Das schmerzt die wirklichen Liebhaber dieser Gruppe natürlich um so mehr, denn die waren sich auch nicht zu schade aus München, Hamburg, Jena oder gar Wien in die westdeutsche Tristesse zu reisen.
Doch wenden wir uns den schönen Dingen des Abends zu. Das Konzerthaus war ein würdiger Ort, denn es war eigentlich ein Hörkonzert und kein Tanzkonzert. Das sahen einige anders, doch sprach sowohl die Instrumentierung und die ruhige Umsetzung der Stücke, als auch der recht leise Sound deutlich dafür, daß es als ein solches gedacht war. Die beiden Hauptpersonen wurden nämlich nicht nur – wie bei normalen Konzerten – durch “Jürgen das Tier” am Schlagzeug unterstützt, sondern ebenfalls von Fabian Kalker (Gitarre/Bass), Peer Neumann (Halb Finne, halb Hesse – mitten in die Fresse! – Klavier, Cembalo(!), Geräusche, etc) und den Bosum Brüdern (Backin Vocals). Textor selbst spielte zusätzlich noch die Liebe seines Lebens – einen klassischen Kontrabass – das Instrument welches er auch studiert hat.
Dementsprechend unplugged klang der Hip-Hop auch und man fing an sich zu wundern, warum Hip-Hop denn nicht immer mit klassischen Instrumenten gespielt wird. Grandios. Wie Textor schon in einem Interview bei coast2coast (Folge 16) Eisfeld zitierte: „Wer Hip Hop macht aber nur Hip Hop hört, betreibt Inzest“. Und so wurde ganz jazzlike zwischendurch improvisiert und nach besonders kunstfertigen Einlagen geklatscht. Das Cembalo ebenso wie eine Chipstüte (zur Simulierung von Plattenknistern), eine Triola, Xylophone (klein und groß) und allerlei weitere phantasievoll genutzte hip-hop-fremde Instrumente bezeugten die Detailverliebtheit der Jungs und erzeugten so ein vollkommen erfrischendes Klangerlebnis.
Eine weitere Premiere war einer meiner Lieblingsstücke live zu hören: “Nie wieder gut” – denn bis dato hatten sie dieses Stück immer auslassen müssen (ich vermute wegen der Instrumentierung). Ebenso “Das Gegenteil von gut ist gut gemeint” mit der besten Bassline ever auf dem schönsten Instrument gespielt war ein Hochgenuss. Nur lauter hätte ich mir gerade dieses Stück gewünscht.
Bei so viel Erlebnis und akustischer Bewusstseinserweiterung kam das letzte Stück dann sehr plötzlich, doch blieb sehr lang. Denn nachdem der Saal geschlossen aufstand um den Jungs den gebührenden Respekt zu vermitteln, ließen sie sich zu geschlagenen 3 Zugaben mit jeweils mindestens 2 Stücken überreden, während derer der Saal auch stehen blieb und nur knapp dazu bewegt werden konnte jemals wieder mit klatschen aufzuhören. Als krönenden Abschluß kam dann noch eine Hommage der beiden alleine an einen ihrer amerikanischen Sample-Lieferanten. Sie waren wirklich gerührt von der Begeisterung der Leute und auch unter den Zuhörern kullerte innerlich oder gar äußerlich die eine oder andere Träne die Wangen hinunter.
Glücklich diesem Ereignis beigewohnt zu haben und traurig ob der Beerdigung verließ ich den Konzertsaal als einer der letzten, die Stimmung auskostend. Draußen scharten sich schon die Leute um den kleinen Shop, der die letzten Fanartikel verkaufte und dann sogar noch mit der Anwesenheit von Textor und Quasi Modo beehrt wurde. Entgegen seiner Aussage er würde sich eher erschießen bevor er seinen eigenen Scheiß signiere, tat er selbiges (nicht erschießen) und beantwortete freundlich und dankbar Fragen. So erfuhr ich auch, daß sie das Konzert aufgenommen haben, die Aufnahmen überprüfen werden und bei angemessener Qualität das Ganze planen zu veröffentlichen. Und ich dachte schon ich müßte für immer mit meiner übersteuerten und schlecht klingenden Aufnahme leben.
Textor wird jetzt ersteinmal Urlaub machen und sich einem normalen Job widmen. Wenn er dann in ein oder zwei Jahren Langeweile verspürt, wird es eventuell wieder Musik von ihm geben – welche Richtung oder was genau dies sein wird ist dabei noch völlig offen.
Also vielen Dank ihr beiden! Auch dafür euch selbst so treu geblieben zu sein und nicht dem Geld wegen Dinge anders gemacht zu haben. Aber für ne echte Tätowierung ist sein Oberarm eben auch zu schmal.

Mein Rucksack mit dem Fotoapparat wurde mir leider am Eingang abgenommen, so daß ich keine Fotos machen konnte, was mich doch hinreichend stark geärgert hat, doch konnte ich mich so wenigstens voll und ganz das Konzert genießen.