Während ich wie üblich zur Tour aufbreche rings um uns herum großes Gewusel, geschwenkte Flaggen, kleinere und größere Grüppchen, die sich zusammenfinden und an uns vorbeiziehen. Namen und Symbole linksorientierter Parteien und Gruppierungen werden geschwenkt, immer wieder unterbrochen von der Regenbogenflagge mit dem weißen PACE – Aufdruck.
Eine recht große Friedensdemonstration zieht durch die Innenstadt und kreuzt dabei leider auch mehrmals unseren Weg.
Am Gendarmenmarkt scheint der Endpunkt des Demonstrationszuges zu sein, eine große Bühne ist aufgebaut und beschallt den Platz mit Bob Marley, kleine Stände sind aufgebaut, auf denen vor allem linke Lektüre (Marx ist Muss!) verteilt wird, zwei alte Frauen halten Bilder hoch, auf denen eine leidgeplagte Frau weinend einen Grabstein umklammert.
Friedensdemonstrationen an sich genießen durchaus meine Sympathie, nur dass sie als Medium zur linken Propaganda benutzt werden bereitet mir ziemliche Bauchschmerzen. Für mich ist Marx nicht Muss, sondern im Gegenteil nur Stuss, die inhaltliche Verknüpfung zur Idee der Friedensbewegung ist in meinen Augen nicht gegeben, wenn alles in einen Topf geschüttet wird kommt daher ein ziemlich ungenießbares Gebräu als Ergebnis heraus.
Wir verlassen den Gendarmenmarkt gerade noch rechtzeitig, bevor der große Demonstrationszug auf dem Platz ankommt, ich muss nicht mehr gegen Bob Marley anschreien und freundlicherweise sind die Straßen ringsherum für den Autoverkehr gesperrt, so daß wir flott weitergehen können.
Kurz vor dem Bebelplatz werden einige versprengte Häufchen von Demonstranten von einer losen Polizeikette freundlich, aber bestimmt in Richtung Gendarmenmarkt gedrängt. Während ich noch überlege, ob ich genauer hinhören möchte, was die Leute da skandieren (einzig der Reim Staat / Patriarchat erreicht bewußt mein Gehirn) spricht mich einer der Herren in Grün bereits an, wo wir denn bitteschön hinwollen, doch bevor ich noch recht antworten konnte fällt der Blick seines Kollegen bereits auf mein Namensschild und wir werden als harmlose Touristengruppe erkannt und auf den Platz gelassen.
Diese Vorlage nutze ich, um meiner belustigten Gruppe kurz ein paar grundlegende Dinge über Gruppendynamik zu erzählen, z.B. die Tatsache, daß ab etwa 11 Personen Menschen anfangen als Gruppe zu denken und zu handeln und nur noch vermindert als Individuen agieren, was die Grundlage dafür ist, daß aus friedlichen Demonstrationen plötzlich blutrünstige Mobs werden und dass ein geschickter Anheizer/Propagandist/Führer dies bewußt zu lenken und zu steuern vermag, was die Grundlage der großen totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts gewesen ist.
Hört man sich heute eine aufgezeichnete Rede Adolf Hitlers an wundert man sich, wie Zeitzeugen vom großen Charisma des Führers schwärmen konnten. In einer Masse mehrerer tausend Menschen hatten seine Reden aber nunmal eine ganz andere Wirkung.
Um meine Aussagen zu unterstreichen und zu belegen probiere ich mein Führer-Charisma sogleich einmal aus und hetze meine Gruppe dazu auf, die verschandelnde Bionade-Werbung vom Gerüst an der ehemaligen Königlichen Bibliothek herunterzureißen.
Zu meinem Bedauern rennen die Leute aber nicht los, sondern brechen nur in lautes Gelächter aus.
Da muss ich wohl nochmal ein bißchen dran arbeiten…

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