Kein einziger Ton entwich aus dem dreifach schallisolierten kleinen Jazzclub im Herzen von Westberlin, einzig die leicht gedämpften Geräusche der Großstadt drang an diesem Donnerstag abend ans Ohr.
Doch auf der anderen Seite der großen Fenster war die Hölle los!
Denn dort standen neben großen Verstärkern Panzerballet auf der Bühne und brachten ihr Publikum mit dem auf Trab, was Jan Zehrfeld, der Kopf der Truppe, zu Beginn des Konzertes als ‘Wellness-Death-Jazz’ eingeordnet hatte. “Man könnte es auch Lounge-Punk nennen…”
Die Musik, die die Jungs von Panzerballet zum Besten geben hat mit der Musik klassischer Jazz-Trios in etwa soviel gemein wie die Bild-Zeitung mit objektivem Journalismus. Denn sie versuchen sich an der gewagten Synthese aus Metall und Jazz, “verkrassen” Klassiker der verschiedensten Genre, sei es nun der Pink Panther oder AC/DCs Thunderstruck, alles wird bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, im Tempo variiert, mit akrobatischen Soli untermauert und anschließend einfach frech in den Raum gerotzt. Das Ganze natürlich in einer Lautstärke, die mir die Ohren klingeln ließ!
Vor allen Dingen Gregor Bürger am Saxophon und noch mehr Heiko Jung am Bass wußten zu überzeugen mit ihren fulminant-brachialen Einlagen.
Begleitet wurde ich an diesem Abend von der wie immer bezaubernden Julia, die mir in den musikalischen Pausen von ihrer aktuellen Forschungstätigkeit berichtete, die sie für ihre Doktorarbeit durchführt. Meinen Einwand, daß man Doktorarbeiten traditionell eigentlich erst NACH dem Diplom beginnt wischte sie mit dem unwiderlegbaren Argument vom Tisch, daß sie nunmal aber gerade jetzt für diese Forschung Zeit hätte.
So steht sie also momentan täglich im Labor, führt Experimente durch und versucht der Funktionsweise des Gehirns auf die Spur zu kommen. Sie überprüft eine Theorie, derzufolge häufig genutzte Bahnen im Gehirn im Laufe der Zeit verstärkt werden, bei denen sozusagen eine weitere Spur angebaut wird, um den massenhaften Verkehr besser durchleiten zu können.
Zu diesem Zweck sticht sie auf gut Glück in einige Gehirnzellen hinein, versucht eine funktionierende Verbindung herzustellen, leitet Strom durch die Zellen und misst anschließend nach, wie sich der Durchfluss verändert hat im Laufe des Versuchs. bis die punktierte Zelle irgendwann ihren Geist aufgibt.
Nun wachsen Hirnzellen nicht auf Bäumen, menschliche Hirnzellen schon gar nicht und darum stammen die Zellen auch von freundlich-unterstützenden Lebewesen aus dem Labor: von Ratten.
Besorgte Tierfreunde mögen an dieser Stelle evtl. noch auf Operationen am offenen Gehirn mit anschließender Wiederaufpeppelung hoffen, die triste Realität sieht jedoch anders aus:
Da wird das auserwählte Tierchen mit Äther betäubt, in eine kleine Guillotine gelegt und auf Knopfdruck trennt ein Beil den Kopf sauber vom Körper ab! Anschließend wird das Gehirn von seiner Hülle befreit, von einer hochentwickelten Brotschneidemaschine in feinste Schichten zerteilt, auf Eis gelegt und anschließend von Julia für ihre Experimente benutzt.
Während sie mir von ihren Versuchen erzählte sah ich zum allerersten Mal seit Beginn ihres Studiums ein Funkeln der Begeisterung in ihren Augen. Offensichtlich hat sie sich doch endlich zu dem durchgebissen, was sie wirklich interessiert.
Dass dieser Weg von Rattenleichen gesäumt ist fällt wohl unter die Kategorie collateral damage.
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