Da mich Politik nur in ganz bestimmten Bereichen interessiert, habe ich bislang auch nur ganz am Rande etwas von der Grundeinkommensdiskussion mitbekommen. Doch bin ich soeben über den Artikel von Tim Pritlove dazu gestoßen und dieser hat mich deutlich zum Grübeln gebracht.
Vor allem aber habe ich gemerkt, wie wohl ich mich fühle, wenn ich mir dieses System umgesetzt vorstelle. Mir war gar nicht so bewußt, daß ich mich bereits bedrückt davon fühle meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Dabei geht es mir nicht um Faulheit oder Angst vor Eigenverantwortung, sondern genau darum:
Ich definiere “Arbeit” schon immer als “Tätigkeit, die ich eigentlich nicht tun möchte”. Arbeit ist etwas, was mir nicht behagt. Nur kurze Zeit in meinem Leben war ich in Situationen, wo ich eine “Arbeit” übernommen habe und es hat jeweils nicht lange – meist wenige Wochen – gedauert und ich war auf und davon. Weil ich es einfach nicht kann.
(aus dem verlinkten Artikel von Tim)
Ich dachte bislang eher, daß mich das Fernsehen™ mit den Keine-Lust-auf-Schule-verherrlichenden-Sendungen und meine nicht ganz wegzudiskutierende Faulheit zu dieser Denkstruktur gebracht haben. Doch vielleicht kommt sie doch stärker aus mir selbst heraus. Durch das Schaffen von Dingen die einem Spaß machen und der großen Motivation dazu habe ich blutgelegt und kann Arbeit (wie oben definiert) nur noch unter großer Selbstdisziplin ordentlich vollbringen, welche wiederum viel Kraft raubt und andere Motivationen erstickt oder zumindest betäubt.
Ich könnte den Dingen nachgehen die ich liebe, auch wenn ich damit kein Geld verdiente (wie bei Tim erläutert, eine Konjunktur der ehrenamtlichen Tätigkeiten und auch der Kunst!) oder könnte langsam und ohne Zeit- bzw. Gelddruck mit eben diesen Dingen ein Geschäft aufbauen, welches durch die kleine Nische, die es vielleicht nur ausfüllen würde, nicht genug Geld zum Leben einbringen würde, dies aber auch nicht nötig wäre, denn dafür wäre ja schon gesorgt und es würde mir nur den zusätzlichen Freizeitspaß und Luxus finanzieren.
Zusätzlich zur von Tim erwähnten “Würde für alle” würden die Menschen einfach viel entspannter und geselliger sein. Ich mußte dabei direkt an die Vollbeschäftigung in der DDR denken. Keiner hatte Existenzängste. Nur mit dem Vorteil, daß man nicht auch Arbeit machen müsste, die einem vielleicht überhaupt nicht liegt und das immernoch die Vorteile der Marktwirtschaft und “Demokratie” vorhanden wären.
In der bereits geschlossenen Petition für ein Grundeinkommen wird der Betrag von 1500€ pro Person genannt. Diesen Betrag finde ich schon sehr hoch. Als Student kam ich mit ca. 500€ schon immer recht gut zurecht. Bei so einem hohen Betrag hätte ich die Befürchtung, das dieser so vielen Leuten ausreicht, daß so wenige einer geldverdienenden Tätigkeit nachgehen würden, daß das System damit nicht funktionierte. Überhaupt hätte ich Befürchtungen, auch bei einem deutlich niedrigerem Betrag, daß es überhaupt realistisch ist, aber die Zahlen, die man so liest deuten an, daß es möglich wäre. Ich weiß es nicht, ich bin kein VWLer und das soll hier auch nicht die Frage sein. Ich finde die Idee, diese Utopie einfach toll mal durchzudenken.
Aber Befürchtungen hätte ich auch. Ich meine warum sollte ich mein Abitur machen, wenn ich auch ohne Arbeit in einfachen Verhältnissen überlebe? Kommt natürlich sehr aufs Elternhaus an, aber ich habe mein Abitur nur durchgezogen, weil ich wußte, daß es für mein späteres (Berufs-)Leben deutliche Vorteile haben wird. Hätte es ja auch noch immer, aber eben bei weitem nicht so existenziell. Oder was passiert eben mit “den Hauptschülern”? Muß die Anzahl bzw Größe der Bushaltestellen dann vervielfacht werden, weil die Fahrgäste bei Regen keinen Platz mehr in ihnen finden? Tut dieser Bevölkerungsgruppe die Zwanglosigkeit gut, weil sie gute Laune davon bekommen oder versauern sie dann noch viel mehr vor dem Fernseher? Ich meine selbst einer meiner Mitstudenten macht Haufenweise Überstunden als Hiwi bei uns auf Arbeit, weil er sonst zuhause auch nur rumhängen würde und nicht wüßte, was er tun sollte.
Und wenn ich an den Rest der Welt denke, hätte ich mit dem Grundeinkommen noch stärkere Gewissenskonflikte als ich sie durch die Ungleichheit in der Welt eh schon habe. Und der Zustrom der Menschen aus eben diesem Rest der Welt würde sicherlich noch stärker ansteigen, was ja nichts schlechtes sein muß, aber man muß sich dessen bewußt sein.
Also ihr VWLer, rechnet das mal bitte durch und wenn es tatsächlich realistisch ist, wäre es meiner Meinung nach sehr einen Versuch wert.


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