Es ist Donnerstag, d.h. freier Eintritt in sämtlichen staatlichen Museen in Berlin 4 Stunden vor Schließung.
Um auf kostengünstige Art und Weise meinen Horizont mal wieder etwas zu erweitern beschloss ich darum zu den Museen in Dahlem, direkt bei der Freien Universität zu fahren.
Unter einem (großen) Dach versammeln sich dort das Ethnologische Museum, das Museum der Europäischen Kulturen sowie das Museum für asiatische Kunst. Letzteres wollte ich heute erkunden.
Der Eintritt war wie vermerkt kostenlos, ein begleitender Audioguide war mir die 2,50€ wert, denn wie bislang immer war die Qualität des Guides vorzüglich, verlängerte und intensivierte den Besuch auf angenehme Weise.
Zuerst widmete ich mich dem im weitesten Sinne indischen, bzw. südasiatischen Kulturkreis.
Eine Vielzahl beeindruckender Statuen und Wandreliefs führte durch die reichen Kulturen und vielfältigen Religionen des indischen Subkontinentes:
Götterstatuen und die Lebensgeschichte des Buddha als Bilderzählung an der Außenseite der Nachbildung eines buddhistischen Stupa waren reichhaltige Zeugen der kulturellen Entwicklung und vermochten mich alleine im ersten größeren Abschnitt der Ausstellung eine ganze Stunde zu fesseln.
Eines der Highlights zweifelsohne war diese Darstellung des Hindugottes Ganesha:
Ganesha ist einer der beliebtesten hinduistischen Götter, er steht für Weisheit und Intelligenz, ist Schutzherr der Wissenschaften und Künste.
In Deutschland gibt es ja die Redewendung ‘wie eine Elefant im Porzellanladen’ als Bezeichnung für ungeschickte Trampel, damit beweisen wir allerdings nur, daß wir von Elefanten keine Ahnung haben, die Inder wissen es besser:
Einer indischen Frau zu sagen, sie bewege sich wie ein Elefant ist dort nämlich ein Kompliment an ihre Eleganz und Anmut, denn gerade der Indische Elefant versteht es meisterlich trotz seiner Größe auch im dichtesten Dschungel seinen Weg zu finden. Aus diesem Grund wird ihm vor allem vor Beginn von Reisen, aber auch allgemein vor Neuanfängen, egal ob beruflicher oder privater Art gehuldigt, verheißt er doch Glück und Erfolg bei jeder neuen Unternehmung.
Nicht umsonst hat Apu, Besitzer des Springfielder Kwik-E-Marts eine Ganesha-Statue in seinem Laden zu stehen! ;)
Doch auch andere Objekte waren durchaus faszinierend, so z.B. die Schutzkappe eines Linga und deren dazugehörige Geschichte:
Ein Linga ist ein Symbol des Hindu-Gottes Shiva, genauer gesagt ein Symbol seiner aktiven männlichen Schöpferkraft im Gegensatz zur passiv-weiblichen, empfangenden Kraft, die durch die Yoni, ein den Linga ringförmig umschließendes Becken symbolisiert wird.
Bei Ritualen wurde die Schutzkappe entfernt und der Linga mit Wasser, Milch sowie geläuterter Butter übergossen, welches sich alles anschließend in der umschließenden Yoni sammelte.
Die symbolische Bedeutung des Ganzes muss ich wohl niemandem näher erläutern! ;)
Der Höhepunkt der Ausstellung jedoch war die Höhle der Ringtragenden Tauben, eine buddhistische Kulthöhle der Höhlenkloster-Anlage Kizil.
Für den Museumsbesucher natürlich ein echter Glücksfall, für die Stätte in China wohl eher… nicht.
Ob die dortigen Stätten wirklich geplündert wurden wie es der Wikipedia-Artikel behauptet kann und will ich spontan nicht beurteilen, die Abtragung der gesamten Innenwände der Höhle und deren Transport nach Deutschland kann man allerdings wohl eher nicht als behutsame archäologische Vorgehensweise bezeichnen.
Diese Höhle zu betreten ist jedenfalls sehr eindrucksvoll, vor allem wenn man sie sich im Kontext einer Höhlenkultstätte mitten in der Wüse vorstellt.
Nach gut drei Stunden hatte ich die erste Hälfte des Museums für Asiatische Kunst beendet und beschloss die andere Hälfte, die sich mit dem ostasiatischen Kulturräumen, also primär China, Japan & Korea beschäftigt lieber nächste Woche zu besichtigen.
Obwohl der Eintritt frei war hielten sich übrigens nur sehr wenige Besucher im Museum auf, eine grobe Schätzung meinerseits belief sich auf etwa 30-40 Besucher im gesamten Zeitraum und wie immer in einem solchen Fall wußte ich nicht so recht, ob ich mich über die Ruhe und freie Verfügbarkeit der Kulturschätze freuen sollte oder ob ich über die kulturlosen Besucherscharen schimpfen sollte, die dieses Kleinod der Berliner Museenlandschaft schmählich links liegen ließen.
Das Aufsichtspersonal war offensichtlich an die geringen Besucherzahlen gewöhnt, so unterhielten sich zwei Mitarbeiter über das kleine Büchlein mit Kurzgeschichten, weches sich einer von ihnen zur Unterhaltung mitgenommen hatte und mitten zwischen einigen Vitrinen lag auf einer Bank eine halbe Zeitung mit Lesebrille herum.
Ich selbst sorgte indirekt scheinbar für einigen Gesprächsstoff, denn bei meinem Rundgang war mir an einem der Reliefs ein kleines weißes Kügelchen aufgefallen, welches ich als hineingedrückten Kaugummi interpretierte.
Nachdem ich die Saalaufsicht darauf aufmerksam gemacht hatte wurde sofort eine zweite Aufsichtsdame hinzugezogen und anschließend vorsichtig der Fremdkörper entfernt, der sich glücklicherweise als kleiner Kieselstein entpuppte, den dort wohl irgendjemand abgelegt hatte und der dort schon wer-weiß-wie-lange lag.
Für die Mitarbeiter scheint dies der Höhepunkt an Abwechslung ihres Arbeitstages gewesen zu sein, noch über eine Stunde später hörte ich, wie eine Aufsicht seiner Kollegin von dem Vorfall erzählte und meinen… ähh heldenhaften Einsatz zur Rettung wertvoller Kulturgüter lobend hervorhob.
Die ruhigen Tage der dortigen Mitarbeiter sind allerdings bereits gezählt. Denn die in Dahlem präsentierten Sammlungen sollen nach dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in das dortige Humbolt-Forum umziehen. Dort, im Herzen Berlins, direkt gegenüber den berühmten Museen der Berliner Museumsinsel, dürfte der Besucherandrang deutlich stärker ausfallen als im beschaulichen Dahlem.


Ich muß bei Ganesha immer an Apus Hochzeit denken :D
Danke für den schönen Bericht und viel Spaß nächste Woche. Bin gespannt auf Teil 2 ;)
welch ausgefallene Heldentat
Den einen Stoßzahn hat sich Ganesha übrigens abgebrochen, um ihn gegen den Mond schleudern zu können, nachdem der sich über seinen dicken Bauch amüsiert hatte.
Ganesha ist nämlich dafür bekannt, daß er gerne Süßes nascht! ;)