Vor ein paar Tagen bat mich ein junges, sympathisches Pärchen nach Abschluss meiner Tour um ein paar Buchtips bzgl. Berlin.
Ich gab ihnen meine Karte und forderte sie auf, mich einfach nochmals per Mail anzuschreiben, dann würde ich ihnen gerne eine Auswahl von Büchern, die ich selbst gut fand zusammenstellen.
Heute nun erreichte mich ihre Mail und da ich mich beim Thema Bücher selten kurzfasse, wenn man mich erstmal reden lässt ist sogar ein recht langer Text mit vielen Buchempfehlungen entstanden, von dem ich denke, daß er sich auch hier gut machen könnte.
Darum jetzt hier meine Highlights von Büchern über Berlin:
Vorneweg erstmal kein Roman, sondern:
David Clay Large – Berlin Biographie einer Stadt
Ein wunderbares Geschichtsbuch, daß Berlin in der Zeit seiner größten Umbrüche, von der Gründung des Kaiserreiches 1871 bis kurz nach der Wende in die 90er Jahre hinein beleuchtet.
Wunderbar geschrieben, voller Fakten, Anekdoten und Geschichten, dabei immer auch kurzweilig und lebendig.
Doch zu den Romanen:
Ganz vorneweg einer meiner persönlichen Lieblingsautoren, ein Niederländer:
Cees Nooteboom – Berliner Notizen
Cees Nooteboom – Allerseelen
Das erste Buch ist kein Roman, sondern mehr ein Reise- und Erfahrungsbuch aus seiner Zeit in Berlin und Deutschland während der Wiedervereinigung und beinhaltet seine Reflektionen zu Deutschland und den Entwicklungen.
Ich glaube Cees Nooteboom könnte sogar ein leeres Zimmer interessant beschreiben und seine Reisebeschreibungen, von denen die Berliner Notizen eines ist, ziehen mich immer wieder auf magische Art zu den Plätzen, die er beschreibt.
Aber Nooteboom schreibt eben auch Romane, Allerseelen ist davon der Beste. Der Großteil des Romans spielt in Berlin und die melancholische Stimmung von Protagonist, Stadt und Geschichte machen das Buch für mich zu einem der großartigsten Bücher, die jemals geschrieben wurden!
Gehen wir erstmal zeitlich zurück, nämlich zu einem Roman, dessen Protagonist im Jahre 1910 als Waise nach Berlin kommt mit der festen Absicht es zu Reichtum und Macht in der Stadt zu bringen.
Hans Fallada – Ein Mann will nach oben
Das Buch beschreibt seinen Werdegang in den folgenden zwei Jahrzehnten. Über 500 sehr eng bedruckte Seiten, doch trotzdem habe ich dieses Buch verschlungen!
Wir bleiben in den 20er Jahren, bzw. wenden uns langsam den 30ern zu:
Franz Hessel – Ein Flaneur in Berlin
Christopher Isherwood – Goodbye to Berlin
Ersteres genau wie Nootebooms Berliner Notizen ein interessanter Tatsachenbericht darüber, wie Franz Hessel einfach durch die Straßen der Stadt spaziert ist, was er gesehen und erlebt.
Isherwoods Buch wiederum erzählt von einem jungen Engländer, der zum Anfang der 30er Jahre nach Berlin kommt und die verrückte Stimmung in der Stadt zum Ende der Weimarer Republik festhält.
Dieses Buch war übrigens die Vorlage zum Musical Cabaret und ist vor allem im englischsprachigen Raum sehr bekannt.
Aus der Zeit des Dritten Reiches kann ich folgendes Buch empfehlen:
Michael Degen – Nicht alle waren Mörder
Michael Degen erzählt seine Kindheit in Berlin nach. Als Jude tauchte er zusammen mit seiner Mutter 43 kurz vor der Deportation ab und verbrachte die folgenden zwei Jahre bis zum Kriegsende in diversen Verstecken.
Nachkriegsdeutschland und Teilung der Stadt:
Christa Wolf – Der geteilte Himmel
Christa Wolf schreibt nicht einfach und sie zu lesen verlangt Konzentration. Wenn man diese Konzentration jedoch aufbringt wird man auf vielfache Weise belohnt, z.B. mit dieser großartigen Geschichte über ein junges Mädchen, das zusammen mit ihrem Freund nach Ost-Berlin zieht, dort zurechtfindet und dessen Freund dann plötzlich nicht mehr von einem Kongress in West-Berlin zurückkehrt. Für ihn scheint es selbstverständlich, daß sie ihm auch in den Westen nachfolgen wird, doch sie weiß nicht, wie ihre Entscheidung ausfallen wird.
Leben in der DDR vor dem Mauerbau, eine wunderbar sensible Liebesgeschichte und das ganze Drama der deutschen Trennung, alles in einem einzigen Buch!
Peter Schneider – Der Mauerspringer
Die geteilte Stadt in den späten 70er oder frühen 80er Jahren, eine Sammlung von unglaublich skurrilen Geschichten, die sich allesamt mit der Mauer und der Teilung befassen, wie z.B. die Geschichte des Mannes, der 16x über die Mauer sprang – allerdings vom Westen in den Osten!
Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Muss ich wohl nichts weiter zu erzählen, ist sicherlich bekannt. Wenn bislang noch nicht gelesen, dann nachholen!
Wendezeit:
Thomas Brussig – Wie es leuchtet
Für mich DER Wenderoman! Spielt nicht nur in Berlin, sondern in vielen Teilen der DDR, wird von mir vor allem auch deswegen hier aufgeführt, weil dieses Buch für mich persönlich die Wendezeit, die ich ja als kleines Kind, das in Westberlin geboren wurde nur bruchstückhaft mitbekommen habe, erst so richtig ins rechte Licht gerückt hat.
Viele von den noch immer existierenden Konflikten zwischen Ost und West habe ich lange Zeit nicht so recht nachvollziehen können, nach der Lektüre dieses Buches hatte ich zum allerersten Mal das Gefühl, daß ich wirklich und ernsthaftig die Ostdeutschen verstanden hätte und was die Wiedervereinigung aus ihrer Sicht bedeutete mit all ihren Hoffnungen und Enttäuschungen.
Ganz nebenbei gesagt sind auch seine restlichen Bücher sehr gut, da er selbst Ost-Berliner ist spielen auch viele seiner Bücher in Berlin.
Wiedervereinigtes Berlin:
Uwe Timm – Rot
Uwe Timm ist zwar Hamburger, mit Rot hat er allerdings einen großartigen Berlin-Roman verfasst.
Auch wenn er nach der Wiedervereinigung spielt behandelt der Roman mehr die Lebensläufe und Entwicklung der 68er – Generation.
Ausgangspunkt der Geschichte ist, daß der Protagonist in der Wohnung eines kürzlich verstorbenen Bekannten, zu dem er die Trauerrede halten soll, ein Paket mit Sprengstoff sowie Pläne findet, die Siegessäule in Berlin in die Luft zu sprengen.
Das ganze Vorhaben schockiert ihn, zudem erscheint es ihm ziemlich lächerlich, doch trotzdem behält er den Sprengstoff, besieht immer wieder die Pläne und reflektiert sein eigenes Leben, die Entwicklungen, die er durchgemacht seit der Zeit, als er selbst in der Kommunistischen Partei war und für die Weltrevolution gestritten hat, eine Zeit, die für ihn bereits so lange zurückzuliegen scheint, Träume eines aufbegehrenden Jugendlichen, die sich doch schon so lange in Luft aufgelöst hatten…
Wladimir Kaminer – Russendisko
Wladimir Kaminer ist Anfang der 90er Jahre aus Russland nach Berlin gekommen und hat sich seit dieser Zeit zu einem festen Bestandteil der Berliner Kulturszene etabliert.
Ich kenne keinen anderen Autor, der Alltägliches so amüsant, teilweise zum Brüllen komisch zu Papier bringt:
Betrachtungen der Deutschen, sein Leben mit ihm, Erlebnisse mit anderen Russen und noch vieles mehr aus seinem Alltag, daß er in diesem und auch allen anderen seiner Romane hineinwirft.
Auch wenn mir gerade bei seinen letzten Büchern manchmal der Gedanke kam, daß er lieber in weniger hohem Tempo Bücher herausbringen sollte anstatt viele kurze Bücher mit Geschichten herauszubringen, so sind doch vor allem seine ersten Bücher einfach nur großartig und werden eigentlich nur noch davon getoppt, daß man ihn live in einer Lesung oder alternativ als Hörbuch erlebt.
Letztere hat er nämlich alle selber gelesen und sein herrlicher russischer Akzent verleiht dem Ganzen nochmals einen wunderbaren Charme!

Schön auch mal was leserattiges von der Leseratte zu lesen. Danke.