3 Reisen in einer

Der Faktenaustausch zwischen reisenden, üblicherweise Gespräch genannt, ist fast immer der erste Schritt um mit einer Person in Kontakt zu kommen. Ich komme hier her, fahre da hin, mache das, heiße so, schlafe nur auf der linken Seite weil mein linkes Bein kürzer ist als das rechte und esse nur Dinge ohne Seele. Oder so. Nach einer Weile des Reisens stellt sich so eine gewisse Gesprächsmüdigkeit ein. Man hat einfach keine Lust mehr alles nochmal zu erzählen und auch die Fakten der anderen Person interessieren nicht wirklich. Denn eigentlich möchte man sich ja unterhalten, den Menschen kennen lernen. Durch das Erlangen des Faktenwissens erreicht man zwar eine grobe Einschätzung der Tätigkeiten der Person, doch die Person selbst bleibt verborgen.

Neulich abend in Linz (Österreich) kam eine Gespräch zustande, welches ich als ein wirklich solches zählen würde. Ich wurde von meinem Couchsurfing-Host zu einer kleinen Party mit seinen pakistanischen Freunden eingeladen. Es gab sehr leckeren Reis mit Hühnchenkeule. Ich lernte Reis mit Fingern zu essen, denn so macht man das eben in Pakistan, und sog den Hauch von Ferne, den die Gewürze auf meiner Zunge hinterließen, mit großen Zügen ein.

Die Pakistani sind (zumindest diese unrepräsentative Auswahl) ein sehr lustiges Volk. Sie lachen und quatschen in großer Lautstärke und freuen sich ihres Lebens – und das ganze ohne Alkohol. Ich verstand zwar kein Wort (außer hier und da mal Computer oder ähnlich internationales englisches) doch war es auch unterhaltsam genug ihnen einfach beim Lachen zuzuschauen.

Nach dem Essen wurde ich an das andere Ende der Tafel des Tisches verfrachtet, denn dort saßen die Afghanen, die auch etwas Deutsch sprachen und nicht “nur” gut Englisch, wie die Pakistanis.

Nach einigen Formalien und eben auch ein wenig Faktenaustausch, fragte ich, politisch ungebildet wie ich bin, nach der aktuellen Situation in Afghanistan.

Krieg ist dort bereits seit 32 Jahren verkündete man mir. Über den Einmarsch der Amerikaner seit 9/11 war ich halbwegs im Klaren, aber davor? Let’s see.

—Geschichtsunterricht—

Im April 1978 kam eine neue Partei, die kommunistische „Demokratische Volkspartei Afghanistans“ (DVPA), an die Macht und leitete einige Veränderungen im Land ein um sich an den Ostblock anzunähern und die allgemeine Situation (Bildung, Bodenreformen, etc) zu verbessern. Dabei stießen einigen aber die Säkularisierung, sowie die Vertreibung ehemals privilegierter Gruppen schlecht auf und so bildeten sich Gegenorganisationen, die stärkste sollten dann die Mudschahedin werden.

Im September 1979 wurde versucht diese Widerstände im Land militärisch niederzuschlagen und so eskalierte ein Bürgerkrieg. Drei Monate später fielen sowjetische Truppen in Afghanistan ein, um den Bürgerkrieg zu deeskalieren. Trotz einer starken quantitativen Übermacht konnten sie keine Erfolge verbuchen. Dies war, man erinnere sich, zur Zeit des Kalten Krieges. Daher unterstütze die USA zu dieser Zeit die Mudschahedin und auch Pakistan um eine Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Denn das Nachbarland Pakistan fühlte sich von den Sowjets ebenfalls bedroht, da in Indien ihre Einflussname ebenfalls zunahm. Und so lieferten auch sie Waffen und Hilfe – das alles natürlich geheim und inoffiziell.

So gab es Kämpfe und Krieg über viele Jahre. Es wurde sehr hart und erbarmungslos gekämpft. Die schwierigen geographischen (sehr viele sehr hohe Berge) und das harte Klima trugen ihren Teil dazu bei. 1989 zogen die sowjetischen Truppen dann endlich ab, nachdem, durch Vermittlung der UN, zwischen Afghanistan und Pakistan ein Abkommen zur gegenseitigen Nichteinmischung geschlossen wurde. Über eine Million Afghanen waren gestorben, über fünf Millionen waren geflohen. Es kann wohl so gesehen werden, daß dieser 10-jährige Krieg, der zu keinem Erfolg führte (wie auch schon die USA in Vietnam gescheitert waren), die Sowjetunion moralisch und finanziell so schwächte, daß sie unter anderem deswegen daraufhin 1990 zusammenbrach. Die USA hatten ihren Kampf gegen den Kommunismus also mit Erfolg geführt. Gewisse Stimmen sprechen gar davon, daß die USA bereits vor der Invasion die Mudschahedin unterstützen, um einen Einmarsch der Sowjetunion zu erzielen und sie in diesen zermürbenden Krieg zu ziehen.

Doch damit war nur der Krieg mit der Sowjetunion beendet. Innerhalb des Landes wurde es trotzdem nicht friedlich. Die Mudschahedin kämpften weiter gegen die Regierung und erhielten 1992 sogar die Regierungsmacht. Doch splitterte damit diese Organisation wiederum auseinander und bekämpfte sich gegenseitig. Durch die durch die zeitweilige Regierung eingeleitete Islamisierung und die Uneinigkeit der Mudschahedin untereinander erstarkte eine weitere politische Gruppe: die “Glaubensschüler” (Taliban ).

Diese wurden anfangs nicht als politische sonder rein militärische Organisation ohne Machtanspruch gesehen. Doch war dem nicht so. Sie wurden von Pakistan unterstützt und eroberten im weiteren Verlauf den Großteil von Afghanistan und riefen schließlich im September 1996 einen islamischen Staat aus. Nordafghanistan blieb allerdings weiter von der aus den Mudschahedin-Splittergruppen und anderen Minderheiten neu zusammengesetzten “Vereinigten Front zur Rettung Afghanistans” besetzt, welche starken Wiederstand gegen die Taliban leisteten. So ging der Bürgerkrieg weiter und Afghanistan wurde weiter zerstört und wirtschaftlich geradezu gelähmt. Der Drogenanbau und -handel begann zu florieren – Afghanistan stieg zum weltgrößten Heroinproduzent en auf.

Die Taliban vertreten eine extreme Interpretation des Islam, basierend auf ländlichen paschtunischen Traditionen. Diese Interpretation dehnten sie auf das gesamte Land aus. So kam es auch zu massiven Verletzungen der Menschenrechte. Im März 2001 sprengten die Taliban trotz massiver internationaler Proteste die zwei großen Buddha-Statuen von Bamiyan. Außerdem kündigten sie an, alle vorislamischen Statuen in Afghanistan zu zerstören, inklusive des verbleibenden Bestandes des Museums von Kabul.

Zusätzlich zu dem andauernden Bürgerkrieg litt das Land unter Armut, Dürre, einer zerstörten Infrastruktur und dem massiven Gebrauch von Landminen. Diese Bedingungen ließen drei bis vier Millionen Afghanen den Hungertod sterben. Im Jahr 1998 starben tausende von Menschen bei Erdbeben.

Bis hierhin traue ich den Artikeln in der Wikipedia, aus denen ich die informationen zusammengeschrieben habe. Hiernach starten die Aktivitäten der Al-Quaida und den bösen Terroristen, deren Berichterstattung ich nicht so ganz traue, ohne eine wirkliche Begründung liefern zu können oder gleich “Verschwörung!” zu schreien. Die scheinbar allgemein anerkannte Geschichte geht so weiter:

Nach den Anschlägen vom sich heute zum 7ten mal jährenden 11ten September fielen die Amerikaner in Afghanistan ein. Offiziell war dies ein Akt der Selbstverteidigung und von der UN genehmigt. Ob sich andere Staaten auch hätten beteiligen dürfen, ist umstritten. Afghanistan bzw der zu dieser Zeit an der Macht befindlichen Taliban wurde dabei vorgeworfen Al-Quaida, die den Anschlag zu verantworten hätten, Unterschlupf zu gewährleisten. Darum wurden in den folgenden Jahren, auch mit deutscher Unterstützung, die Taliban versucht zu entmachten. Das Vorgehen dazu wurde beim Petersberg-Prozess in Bonn im Dezember 2001 beschlossen. Ziel war eine “Demokratisierung” Afghanistans. Jedoch wurden diverse alte Machthaber zB der Mudschahedin nicht entmachtet sonder wiederum eingesetzt, wodurch sich die Gewalt im Lande nur unwesentlich verringerte. Auch die umstrittenen demokratischen Wahlen 2004 konnten daran nur wenig ändern. Die Zentralregierung hat keine wirkliche Macht, die Taliban und andere Splittergruppen beherrschen wieder große Teile von Afghanistan, so daß der Staatschef in den Medien teilweise scherzhaft als “Bürgermeister von Kabul” bezeichnet wird.

2006 wurde der Petersberg-Prozess als erfolgreich abgeschlossen bezeichnet. Weitere Aktivitäten und Beschlüsse folgten aber.

Ein gar nicht so kleines Detail bei diesem Krieg scheint die geplante Gaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan zu spielen. Diese wurde schon lange von einer argentinischen Ölfirma geplant, nach massivem Druck durch die US-Regierung aber an die amerikanische Firma Unocal abgegeben. Der Bau scheint inzwischen komplett eingestellt, da besonders das Ende der Pipeline durch von Taliban besetzem Land gehen soll und auch Unocal sich aus dem Konsortium für den Bau aufgrund von internationalem Druck zurückgezogen hat. Für das um Baku (Aserbaidschan) geförderte Öl wäre eine Pipeline durch Afghanistan für den Export ebenfalls sehr interessant. Somit hängt auch der von einer Freundin momentan dokumentierte architektonische Wandel in Baku mit diesem ganzen Geschehen zusammen.

—/Geschichtsunterricht—

Nun noch die weiteren subjektive Erzählungen des von mir getroffenen Afghanen.

Die Amerikaner üben starken Druck aus. Der aktuelle Präsident verlässt die Hauptstadt nicht, denn er hat Angst um sein Leben. Macht er, was die Amerikaner sagen, wird er dem Willen des Volkes nicht gerechtet. Handelt er nach dem Willen des Volkes, ist er zwei Tage später tod. So erzählte es mein Gesprächspartner.

Die vielen langen Kreigsjahre haben die Leute kaputt gemacht – im Kopf. Er ist schon über 5 Jahre in Österreich, kann aber trotzdem zwar schnelles, aber nur recht falsches Deutsch. Warum? fragen ihn die Leute. Er schiebt es auf den Kopf. Krieg, Druck, Ungewissheit haben ihn krank gemacht, so daß er nicht mehr richtig denken und lernen könne. Er ist “klassisch” mit einem Schlepper unter miesesten Bedingungen und mit Leichen am Wegesrand nach Österreich gekommen und hat dort Asyl bekommen. Inzwischen darf er auch Arbeiten und seine Lebensumstände verbessern sich. Doch ein Freund von ihm, der genau auf der anderen Seite neben mir saß, hat keine Arbeitserlaubnis bekommen. Folglich darf er nichts machen, bekommt aber auch nur 350€ um zu Leben. Als ein Gefängnis hat er es beschrieben.

Erst der Krieg zuhause und jetzt das jahrelange nichts tun dürfen, sich unnütz fühlen haben auch einen nicht anwesend gewesen Freund der beiden zermartert. Dieser wurde zum wiederholten Male von einem schwarzen Kneipenbesitzer zum Gehen aufgefordert (ohne offensichtlichen Grund, wie er sagte) und fühlte sich dadurch natürlich angegriffen. Und so kam er dann eines Tages mit einem Messer in der Tasche in die Kneipe, wurde wiederum gebeten zu gehen, rächte sich dann aber mit einem Schnitt durch die Kehle des Kneipenbesitzers. War ihm egal, das Leben erschien nicht mehr lebenswert, der Frust, die Agressionen mußten raus.

Da bestätigt sich mal wieder, daß man Menschen nicht einfach so verurteilen darf. Ich heiße das natürlich nicht gut, aber kennt man seine Situation ist es doch nachvollziehbarer, einfach menschlich und kein Akt schierer Bösheit oder Freude an der Gewalt.

Die afghanische Gruppe war viel ruhiger und lachte nur wenig und verhalten. “So wie die Pakistani [die wohl alle legal und mit Stipendium nach Österreich gekommen sind] können wir gar nicht lachen. Soviel wie die an einem Abend lachen, habe ich in meinem ganzen Leben nicht gelacht.”

Fragen, ob ich ein Foto von den beiden machen zu dürfe, traute ich mich in der Situation nicht.

Das darauf folgenden abendlichen Gespräch mit meinem pakistanischen Gastgeber über sein Land wird ebenfalls in einen Beitrag münden, doch nicht jetzt und hier, dieser ist schon so lang.

Doch fühlte ich mich durch diese Gespräche in Österreich, als ob ich kleine Abstecher nach Afghanistan und Pakistan gemacht hätte.

Quellen waren die Wikipedia-Artikel zu: Afghanistan | Geschichte Afghanistans | der Bürgerkrieg | Krieg seit 2001 | Petersbergprozesse | TAP-Pipeline

5 Kommentare zu “3 Reisen in einer”


  1. 1 Piraja

    Du schreibst:

    “Die Taliban vertreten eine extreme Interpretation des Islam, basierend auf ländlichen paschtunischen Traditionen. Diese Interpretation dehnten sie auf das gesamte Land aus. So kam es auch zu massiven Verletzungen der Menschenrechte.”

    Das trifft so nicht zu. Die Taliban vertreten einen orthodoxen hanafitischen Islam, wie er unter anderem vom Dar al-Uloom in Deoband gelehrt wird. Von dort haben sie letzlich ihre Lehren.

    Der orthodoxe Islam aller vier sunnitischen Rechtsschulen und derjenige, der Zwölfer- und Fünfer-Schiiten ist mit westlichen Menschenrechten nicht zu vereinbaren. Zum diesem orthodoxen Islam gehört z.B. dass der Vater als “wali mudschbir” die Tochter in die erste Ehe zwingen kann, dass Menschen, die den Islam verlassen (murtadd) mit dem Tod bestraft werden und dass die Eroberung neuer Territorien für den Islam, also der Angriffskrieg, eine gemeinsame religiöse Pflicht der Muslime (fard kifaya) ist.

    Das wird nur von so gut wie keinem Muslim ehrlich gesagt. Man lügt den gutgläubigen Kuffar (Ungläubige) einfach was vor. Das hat sogar System.

    Sätze wie “Islam ist Frieden” oder “Kein Zwang im Glauben” sind solche Standardlügen für naive Kuffar.

    Als normaler Mitteleuropäer kann man sich das gar nicht vorstellen, dass die so gastfreundlichen Muslime einen da einfach von vorne bis hinten belügen. Aber recherchiere mal nach, vielleicht merkst Du ja was.

  2. 2 Dennis

    Als weitere Hintergrundinformation empfehle ich den diesjährigen Film ‘Der Krieg des Charlie Wilson’, der die Hintergründe der heimlichen Unterstützung der Afghanen sowie das völlige Versagen beim anschließenden Wiederaufbau des Landes durch die Amerikaner beleuchtet.

    Im Zuge der Ausrüstung und Ausbildung der Mudschahedin bildete der CIA auch einen gewissen Osama bin Laden aus und noch im Frühjahr 2001 überwiesen die USA den Taliban über 50 Millionen $ als Dankeschön für deren Unterstützung im ‘War on drugs’, da die Taliban von Zeit zu Zeit konfisziertes Heroin abfackelten.
    Die Liste der Verfehlungen der USA ist lang und wird auch immer länger, denn anstatt Afghanistan in einer ernsthaften und konzentrierten Anstrengung (bei der auch sämtliche NATO-Vebündete mitgeholfen hätten) zu befriedigen und dem Land eine ernsthafte und stabile Perspektive für die Zukunft zu geben musste man ja im Irak einmarschieren und den Großteil der amerikanischen Ressourcen dort binden.
    In ganz Afghanistan sind weniger US-Soldaten stationiert als es allein in New York Polizisten gibt!
    Kein Wunder also, daß die Taliban und sonstige lokale Machthaber wieder erstarkt sind, der Drogenanbau neue Rekordmarken erklimmt und sich auch unsere deutschen Soldaten dort zunehmenden Angriffen und Attentaten ausgesetzt sehen.
    Das wiederum führt hierzulande dazu, daß die ohnehin nur geringe Unterstützung für die dortige Präsenz in der Bevölkerung immer weiter bröckelt, einen Gutteil der Wählerstimmen verdankt die Linke hierzulande eben auch deren Eintreten für einen sofortigen Abzug aus Afghanistan.
    Die Zukunftsaussichten des Landes sehen dementsprechend düster aus…

  3. 3 Georg

    @Piraja
    Interessant! Du scheinst ja da tieferen Einblick zu haben. Wie siehst du die, für unser Verständnis ziemlich extremen, Regeln über die nach deiner Aussage nach Außen hin geschwiegen wird? Einerseits sehr gastfreundlich, andererseits geradzu totalitär. Wie kam es dazu? Wie denken die Muslime selbst darüber? Stimmt die Schlussfolgerung, die man da leicht ziehen könnte, daß sie eher engstirnig denken? Kommt die Gastfreundschaft von Herzen oder ist es eher eine Regel der man folgt? Diese Glaubensrichtung gibt mir noch einige Rätsel auf. Hast du ein paar Tips für einen guten Start zur weiteren Recherche?

    @Dennis
    Manchmal bekommt man echt Angst vor dir. Welchen Bereich der Allgemeinbildung würdest du bei dir als lückenhaft bezeichnen?

  4. 4 Dennis

    Sport

  5. 5 Georg

    Was ich jetzt wiederum nicht zur Allgemeinbildung zählen würde. (Mal abgesehen von den absoluten Grundlagen, die du sicherlich auch weißt.)

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