Gefühlte Kunst

Wenn ich groß reich berühmt Tischler bin, möchte ich mal diesen Schreibtisch haben. Selbstgebaut natürlich.

velde ecritoire
Foto von dalbera

Entworfen von Henry van de Velde (1898-99). Klassischer Jugendstil, wie ja nicht zu übersehen ist. Gesehen im Musée d’Orsay in Paris. Beeindruckend schön. Auch die anderen Jugendstilmöbel dort. Wobei ein ganzes Haus voll davon dann doch schnell zuviel werden würde. Mir ging nach der 5ten Sitzkombination und Bett im dem Stil dann doch die Pflanzerei aufs Gemüt. Klare gerade minimalistische Formen sind doch entspanneder. Oder eben dieser Schreibtisch in einem Bauhaus-Haus.

Und dieses Waschbecken von Francois-Rubert Carabin (1898) im Bad. Die Idee einen Wassersack nachzubilden auf dem eine kleine nette nackte Dame sitzt, die für einen das Wasser herausdrückt finde ich doch sehr nobel.

Fontaine

Insgesamt ist das Musée d’Orsay bis jetzt das ansprechendste Museum für mich gewesen. Das Guggenheim in Bilbao hatte ebenfalls einige spannende modernere Exponate, doch die anderen besuchten konnten mich nicht erreichen. Ich denke der Grund war, daß ich die Kunst durch den Mangel an Hintergrundwissen rein emotional aufnehme. Selbst mit Hintergrundwissen ändert sich das nur in soweit, als daß ich vielleicht erkennen kann, daß jetzt auf einmal das Knie der heiligen Mariä – oh Skandal – als Form unter ihrem weiten Gewand zu erkennen ist. Mag ja kunsthistorisch spannend sein, aber mich berührt das herzlich wenig. Bin wohl doch eher in der Moderne verankert. Moderne ist in diesem Zusammenhang gemeint als alles, was so ab 1800 oder 1850 erstellt wurde.

Barrias la nature
Foto von Shutter Pea
Diese wunderbare Statue zum Beispiel von Ernes Barrias aus dem Jahre 1899, hergestellt aus Marmor (die Frau) und Onyx (das Gewand). Der Skarabäus ist aus einem weiteren Material. Erkennbar großartiges Handwerk und ästhetisch und erotisch auf sehr hohem Niveau.

Le Chevalier aux fleurs

Im Gegensatz zu diesem uberkitschigem Bild. Respekt für die Reflektionen auf der Rüstung, aber das ist doch der Anfang eines Traumes den nahezu kein Mann teilen kann *hust*

Van Gogh

Trotzdem man dieses Selbstportrait von Vincent van Gogh schon oft gesehen hat, ist es im Original noch immer äußerst beeindruckend. Diese Blau- und Grüntöne, das Unruhige, dieser Blick, die roten Haare im Kontrast. Ich hätte es am liebsten direkt mitgenommen. Hab mich dann aber doch nicht getraut. Und ein Kunstdruck davon ist bestimmt nicht das Gleiche. Na wenn ich groß reich berühmt Maler bin, mach ich mir selbst eine Kopie.

Pissarro

Dieses Bild des Pointilismus (Unterkategorie des Impressionismus) von Camille Pissarro hat mich ebenfalls durch die Pinsel…setzung möchte man sagen optisch erreicht. Diese Punkte, die sich aus weiterer Entfernung zu einem ganzen zusammenschließen aber doch nicht so stark, daß sie komplett verschwinden. Leider wohl nur im Original oder zumindest sinnvoller Größe erlebbar.

Eine kleine Ausstellung von Daguerrotypien war aus technischer Sicht spannend. Wie arbeiteten sie damals mit dem Licht, wie funktionierte der Vorgang überhaupt, wie lang waren die Belichtungszeiten und wie groß die Tiefenschärfe? Es waren alles sehr klassische Fotos. Nett die Leute in ihren alten Anzügen zu sehen, aber fotografisch waren für meine Begriffe nur wenige wirklich gute Kompositionen dabei.

Damit wäre mein personalisierter Rundgang durchs Museum beendet. Es gäbe noch einiges zu berichten (von der ersten Darstellung von Cellulitis in Marmor oder dem ubergroßen Architektur-Modell der Oper in Paris) doch es soll ja noch ein Anreiz für den persönlichen Besuch gewahrt bleiben. Auch wenn dieser durch die unzähligen kunst- und gedächtnisfreien Mitbesucher, die von jedem Exponat, um es sich angeguckt zu haben, ein Foto machen (Respekt: manche sogar ohne Blitz) und sich dabei am besten noch davor stellen um sich mit abbilden zu lassen, getrübt werden wird. Doch man kann sich einen Spaß daraus machen und absichtlich in die Fotos hineinlaufen oder direkt vor dem Bild stehen bleiben. Bekloptte und Bescheurte gibts eben immer, um mal  Herrn Wischmeyer zu zitieren und völlig respekt- und verständnisvoll zu bleiben.

2 Kommentare zu “Gefühlte Kunst”


  1. 1 martin der tischler

    der schreibtisch hat damals, umgerechnet in heutige währung mit inflationsausgleich oder wie das heißt, ca 12500 € gekostet.deswegen haben sich die meisten auch nur den stuhl geleistet.ich bin seit 18 jahren tischler und hätte auch gern so einen. nur tischler sein reicht da leider nicht man braucht halt noch viel zeit und trotzdem viel geld.schöne grüsse aus jena

  2. 2 Georg

    Das ist echt ein Haufen Schotter. Aber der ist auch schön. Den Stuhl finde ich jetzt nicht so umwerfend, aber auch schön. Was meinst du was ein Nachbau von dir zB so kosten würde? Ganz grob.
    grüße zurück nach gegenüber, quasi :)

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