Ich habe einmal zu einer Freundin gesagt, daß es zwei Dinge im Leben gibt, an denen ich zwar sehr interessiert bin, denen ich zugleich jedoch auch sehr skeptisch gegenüberstehe.
Das sind zum einen Frauen und zum anderen Religion.
In der Kirche St. Spirito in Florenz, die wir am Samstag besichtigten, wurde mir eine faszinierende Einsicht in die zweite Kategorie gewährt.
Ich war ein wenig im Seitenschiff herumgewandert und stand vor einer Seitenapsis mit einer Madonna vor einem Wandrelief von Giovanni Baratta mit dem Titel “L’Arcangelo Raffaelo e Tobiolo”.
Neben mir bemerkte ich eine alte Italienerin, die in ihrer Tasche nach Münzen kramte. Sofort war meine Aufmerksamkeit geweckt, denn mir war bewußt, dass sie eine Kerze kaufen und vor der Madonna entzünden wollte. Das Entzünden einer Kerze in einer Kirche, so ist mir bekannt, ist ein häufig ausgeführtes christliches Ritual, doch bewußt mit angesehen hatte ich dieses Ritual bislang noch nie, ganz besonders nicht in einer katholischen Kirche.
Ich stellte mich leicht abseits neben sie, jedoch so, dass ich problemlos ihr Gesicht und ihre Handlungen sehen konnte, versuchte jedoch gleichzeitig dezent und nicht störend im Hintergrund zu bleiben. Denn das Beobachten eines religiösen Aktes ist in meinen Augen ein deutliches Eindringen in ihre Privatsphäre, die Neugierde jedoch überwog die Höflichkeit.
Gebannt sah ich ihr also zu, wie sie zwei Kerzen auswählte und zuerst die eine, dann die andere Kerze, leise Gebete sprechend, entzündete und feststeckte.
Anschließend sah sie auf zur Madonna, faltete die Hände, sprach nochmals ein Gebet leise vor sich hin, bekreuzigte sich und ging anschließend ruhig weiter.
Während ich meine Eindrücke noch festhielt ging eine junge Großmutter mit ihrer vielleicht 4 oder 5 Jahre alten Enkelin ebenfalls zur Madonna, gab der Kleinen ein paar Münzen, welche sich ebenfalls eine Kerze aussuchen und entzünden dürfte. Da der Halter für die Kerzen jedoch größer war als das Mädchen musste sie erst eine Stufe zur Madonna emporsteigen und zwischen Kerzenhalter und Madonna klettern, um dann in gestreckter Gestalt knapp an die brennenden Kerzen zu kommen.
Insgesamt zündete die Kleine drei Kerzen an, ihre Großmutter stand geduldig daneben, griff nicht ein, egal wie lange das Entzünden auch dauern sollte, sondern überliess diesen Akt vollständig ihrer Enkelin, an die sie dieses Ritual weitergab und verfestigte.
Gelebte Religion über drei Generationen hinweg, ich hätte nicht faszinierter sein können, wenn ich einem buddhistischen Ritual in einem japanischen Tempel beigewohnt hätte…
Fotos von Georg



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