Monatsarchiv für Juli 2008

Drop dead, Jesus

Ich glaube, ich habe in der letzten Woche mehr Bilder von Jesus gesehen als in meinem gesamten bisherigen Leben. Die Uffizien, das Museo San Marco, mehrere Kirchen, der Louvre, sie alle sind voll von Jesusbildern!

Das Resultat ist eindeutig:
ICH KANN DEN KERL NICHT MEHR SEHEN!
Noch eine Anbetung der Könige oder der Hirten, eine Kreuzigung, eine Pietà, eine Madonna mit dem Kind, ein Abendmahl, eine Hochzeit zu Kanaa, Bergpredigt oder weiß der Geier was und ich konvertier zum Islam!

Glücklicherweise ist beim heutigen Besuch des Musée d’Orsay diese Gefahr eher gering.
Nochmal Glück gehabt…

Fasziniert in Florenz

Ich habe einmal zu einer Freundin gesagt, daß es zwei Dinge im Leben gibt, an denen ich zwar sehr interessiert bin, denen ich zugleich jedoch auch sehr skeptisch gegenüberstehe.

Das sind zum einen Frauen und zum anderen Religion.

In der Kirche St. Spirito in Florenz, die wir am Samstag besichtigten, wurde mir eine faszinierende Einsicht in die zweite Kategorie gewährt.

Ich war ein wenig im Seitenschiff herumgewandert und stand vor einer Seitenapsis mit einer Madonna vor einem Wandrelief von Giovanni Baratta mit dem Titel “L’Arcangelo Raffaelo e Tobiolo”.

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Neben mir bemerkte ich eine alte Italienerin, die in ihrer Tasche nach Münzen kramte. Sofort war meine Aufmerksamkeit geweckt, denn mir war bewußt, dass sie eine Kerze kaufen und vor der Madonna entzünden wollte. Das Entzünden einer Kerze in einer Kirche, so ist mir bekannt, ist ein häufig ausgeführtes christliches Ritual, doch bewußt mit angesehen hatte ich dieses Ritual bislang noch nie, ganz besonders nicht in einer katholischen Kirche.

DSC 0695Ich stellte mich leicht abseits neben sie, jedoch so, dass ich problemlos ihr Gesicht und ihre Handlungen sehen konnte, versuchte jedoch gleichzeitig dezent und nicht störend im Hintergrund zu bleiben. Denn das Beobachten eines religiösen Aktes ist in meinen Augen ein deutliches Eindringen in ihre Privatsphäre, die Neugierde jedoch überwog die Höflichkeit.

Gebannt sah ich ihr also zu, wie sie zwei Kerzen auswählte und zuerst die eine, dann die andere Kerze, leise Gebete sprechend, entzündete und feststeckte.

Anschließend sah sie auf zur Madonna, faltete die Hände, sprach nochmals ein Gebet leise vor sich hin, bekreuzigte sich und ging anschließend ruhig weiter.

Während ich meine Eindrücke noch festhielt ging eine junge Großmutter mit ihrer vielleicht 4 oder 5 Jahre alten Enkelin ebenfalls zur Madonna, gab der Kleinen ein paar Münzen, welche sich ebenfalls eine Kerze aussuchen und entzünden dürfte. Da der Halter für die Kerzen jedoch größer war als das Mädchen musste sie erst eine Stufe zur Madonna emporsteigen und zwischen Kerzenhalter und Madonna klettern, um dann in gestreckter Gestalt knapp an die brennenden Kerzen zu kommen.

Insgesamt zündete die Kleine drei Kerzen an, ihre Großmutter stand geduldig daneben, griff nicht ein, egal wie lange das Entzünden auch dauern sollte, sondern überliess diesen Akt vollständig ihrer Enkelin, an die sie dieses Ritual weitergab und verfestigte.

Gelebte Religion über drei Generationen hinweg, ich hätte nicht faszinierter sein können, wenn ich einem buddhistischen Ritual in einem japanischen Tempel beigewohnt hätte…

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Fotos von Georg

Pisa? Passt scho!

- Und wie war Pisa?

- Naja…

- War nicht gut?

- Schon ganz ok eigentlich.

Pisa

- Aber?

- Bei Städten ist es wie bei Menschen, der erste Eindruck erfolgt schon nach wenigen Minuten. Der erste Eindruck von Pisa war eben ein wenig langweilig und provinziell.

- Na aber der berühmte Schiefe Turm!?

- Ja, der war schief. Mehr nicht. Raufgehen hätte 15 Euronen gekostet.

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- Habt ihr also nicht gemacht.

- Nö!

- Und die restliche Stadt?

- In zwei Stunden durchschlendert. Höhepunkt waren die Wandkritzeleien deutscher Tokio-Hotel-Fans direkt gegenüber vom Bahnhof.

- Gabs echt nichts Interessantes in der Stadt, was ihr euch angesehen habt?

- Wir waren noch in ner Kirche an der Piazza dei Cavalieri.

- Und?

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- Kein Kommentar!

- Also überhaupt nicht zu empfehlen?

- Piazza dei Miracoli mit Dom und Schiefem Turm ist schon nett anzusehen. Aber eben auch nur für ne halbe Stunde.

- Abschließendes Urteil?

- Stadt klein, Turm schief, einmal angucken und fertig.

- Pisa?

- Passt scho!

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Fotos von Georg

Einschlafen

Mir ist es nicht möglich auf meinem Rücken,
dem prächtigen,
zu nächtigen.
In den süßen unwachen Zustande
gelange ich nur auf meines Köpers Rande,
auf dem schmalen Grade
zwischen Schulter und Wade.

Besuch in Bilbao

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Vor unserem Rückflug legten wir selbstverständlich ein paar Tage in Bilbao ein und kamen in einer netten Unterkunft direkt in der Altstadt unter, von kleinen Balkon aus hatten wir direkten Blick auf die gotische ‘Catedral de Santiago’, die sowohl von außen als auch von innen sehr ansehnlich ist.

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In Bilbao begann der für mich eigentliche Hauptgrund für diese Reisen: Der Besuch und die Erkundung von Museen! Der Pensionsbesitzer klärte uns recht schnell über die Optionen auf:

“We have the Guggenheim and we have the Museo de Bellas Artes. The Guggenheim is a nice building, the Museo is a nice museum.”

Mit dieser Aussage liegt er auch beinahe richtig, allerdings ist das Guggenheim ebenfalls ein gutes Museum, zusätzlich zur beeindruckenden Architektur.

Das Museo de Bellas Artes hat eine ziemlich große, umfassende Gemäldesammlung, die den gesamten Zeitraum vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart umfasst. Eine Sonderausstellung zur baskischen Kunst des 19. Jahrhunderts sowie eine Fotografie-Ausstellung aus derselben Zeit komplettierten das Museum.

Abgesehen vom hervorragenden Audioguide trug auch die geringe Besucheranzahl sehr zum positiven Gesamteindruck bei. Zuweilen nahm dies jedoch extreme Ausmasse an, in der über 1000 m² großen Ausstellungshalle der modernen Kunst war ich lange Zeit der einzige Besucher zwischen all den Kunstwerken, da fühlt man sich doch schon fast wieder als Eindringling.

Wirklicher Höhepunkt der Stadt ist jedoch das berühmte Guggenheim Bilbao, das im Jahre 1997 vom amerikanischen Architekten Frank O. Gehry gebaut wurde. Das Museum ist Herzstück und Wahrzeichen einer Stadt, die noch Anfang der 90er Jahre als triste Industriestadt bekannt war, die einzig hohe Arbeitslosigkeit aufweisen konnte.

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Die anschließend eingeleitete urbane Erneuerung, die die Einrichtung zweier Metrolinien, die Neuausrichtung der Wirtschaft auf Tourismus und Service, die Errichtung des Guggenheim direkt im Zentrum der Stadt sowie weitere Neubauten im Laufe der Jahre rissen die Stadt aus ihrem Schlaf und waren in ihrer Gesamtheit so erfolgreich, dass man inzwischen vom sogenannten “Guggenheim-Effekt” redet.

Die Architektur des Gebäudes ist absolut mitreißend, schon von weitem funkelt die Titanfassade in der Sonne und zieht die Blicke auf die runden Wölbungen des Museums, die von Kalkstein und Glas unterbrochen werden sowie auf die Kunstwerke wie die große, mit Blumen bepflanzte Hundefigur ‘Puppy’ von Jeff Koons sowie die Spinnenskultur ‘Maman’ von Louise Bourgeois.

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Das Gebäude fügt sich dabei auf geradezu zauberhafte Weise in das Stadtbild ein, fungiert als Mittler zwischen Alt und Neu, indem sie die alte, früher fürchterlich hässliche Brücke über den Fluss umschließt und sie in umgestalteter Form als verlängerten Teil des Museum erscheinen lässt.

Auch von innen weiss das Museum zu begeistern, vom hohem, luftigem Atrium, in dem es keine einzige gerade Wand gibt führen die verschiedenen Ausstellungsräume sowie Treppen und Aufzüge weg. Schwerpunkt des Museums ist die zeitgenössische Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, vor allem in Form von Skulpturen und Installationen.

Der Hauptteil der Ausstellungsfläche wird dabei von temporären Ausstellungen eingenommen, aktuell z.B. eine Retrospektive des Werkes von Juan Monez sowie eine Ausstellung zum Surrealismus und wie er sich auf in puncto Design auf das Alltagsleben ausgewirkt hat.

Dauerhaft Teil des Guggenheim ist dagege die raumgreifende begehbare Installation „The Matter of Time´ von Richard Serra, die aus acht gigantischen und tonnenschweren Stahlskulpturen besteht, die begehbare Spiralen, Ellipsen und Schlangenformen bildet.

Serras Kunst wird dem Minimalismus zugerechnet, einer Kunstrichtung, mit der ich im Allgemeinen eher weniger anfangen kann. Doch Serra verfolgt mit seinen Werken einen räumlichen Ansatz, macht die Skulpturen begeh- und somit besser erfahrbar, verwirrt den Besucher und schafft Formen, die zuvor noch nie auf der Welt existiert haben.

Seine eigenen Worte zu diesem Thema: „Im Grunde möchte ich Skulpturen machen, die für eine neue Art von Erfahrung stehen, die Möglichkeiten von Skulptur eröffnen, die es so bislang nicht gab.“

An der Surrealismusausstellung faszinierte mich vor allem der Einfluss des Surrealismus auf die Werbung, gerade wenn man bedenkt, dass wenige Jahrzehnte später wiederum die Werbung die Kunst beeinflussen sollte, als die Pop-Art entstand.

Munez Werke konnten dagegen nur selten beeindrucken, am Unterhaltsamsten war noch ein Raum, auf dessen Boden sich ein veränderliches Muster befand. Um es gänzlich überblicken zu können begab ich mich in eine der Ecken des Raumes und liess meinen Blick schweifen.

Eine junge Dame schien das eine ausgezeichnete Idee zu finden, sie begab sich ebenfalls in einer der Ecken des Raumes. Kurz darauf entschloss sich ein weiterer Mann für die Einnahme dieser Perspektive, als ich den Raum verliess waren noch immer drei Ecken besetzt…

Fotos von Georg

Samstag in San Sebastian

Eine abrupte Steilküste bildet den Übergang vom Atlantik nach Nordspanien. Vom Flugzeugfenster aus erhalten wir plötzlich einen wunderbaren Überblick über die bergige spanische Küste, die überraschend grüne, lebendig-abwechslungsreiche Landschaft.

Vom Flughafen aus nehmen wir den Bus nach San Sebastian, auf der Fahrt bestätigt sich der erste Eindruck, das Klima ist sehr ausgewogen, es ist angenehem warm, aber nicht zu heiß, die Sonne scheint freundlich vom Himmel herab, ein erfreulicher Kontrast zum regengrauen Berliner Morgenhimmel.

San Sebastian ist ein kleines Küstenstädten mit dem wohl schönsten Stradtstrand ganz Spaniens, gelegen an einer ‘La Concha’, die Muschel genannten Bucht, die von kleinen Bergen eingerahmt ist.

Im 19. Jahrhundert wurde die Stadt königlicher Badeort, als die damalige spanische Königin auf Anraten ihres Arztes zu einer Seekur an der Atlantikküste überzeugt wurde. Ihre Wahl fiel auf San Sebastian, bis heute hat sich die Stadt ihren Charakter erhalten, ist vor allem nicht vom Massentourismus überlaufen.

Georg und ich sind in einer sympathischen kleinen Pension untergekommen, wobei erst unter viel Gelächter und Unterstützung der Tochter die Sprachbarriere überwunden werden musste, denn weder mein Spanisch noch ihr Englisch waren ausreichend, doch letztlich sind wir überein gekommen. Die Pension ist eigentlich eine umgebaute Wohnung, die Besitzer selbst wohnen noch dort in einem eigenen Bereich, das Einzige was zur Perfektion fehlt wäre eine gemeinsam genutzte Küche.

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Auch der Strand und die kilometerlange Uferpromenade sind erstaunlicherweise fast vollkommen frei von den üblichen Souvenirverkäufern, Klimbimläden und schmierigen Frittenbuden, wir sitzen entspannt auf den Befestigungen am äußersten Rand der Bucht , Wind und Wellen branden gegen die Felsen, die salzig-feuchte Luft erodiert langsam, aber sicher die Kunstinstallation Windkämmen von Eduardo Chillida.

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Vor uns erstreckt sich das Panorama der Bucht, die Sonne versinkt langsam über dem Meer. Dort, wo das funkelnde Licht der nahenden Sonne auf das Meer auftrifft entzündet sich ein silbriges Feuer, eine brennende Lichtspur, die sich bis zum Horizont erstreckt und dort abrupt, ja geradezu scharfkantig vom Himmel abgetrennt wird.

Langsam versinkt die Sonne, der Himmel zerfließt in orange-goldene Farbtöne, wird dunkler, intensiver, die Glut der Sonne tanzt übers Meer bis die letzten Lichttupfer die Stadt verlassen und uns in der beginnenden Nacht zurücklassen.

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Ein paar Minuten sitzen wir noch am Rand des Meeres, in Gedanken rezitiere ich den Lobgesang der Erzengel auf die Schöpfung aus dem ‘Prolog im Himmel’ von Goethes Faust, dann brechen wir auf und machen uns auf den Rückweg in die Stadt…

Fotos von Georg

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