Die Expressionale, oder: Warum ich manchmal doch lächle…

Der Potsdamer Platz in Berlins Mitte:

Mythenumrankter Knotenpunkt; zerrissenes Grenzland; heißdiskutiertes Architekten-Eldorado; größte Baustelle der Welt; handzahme Touristenfalle; kommerzieller Reinfall

Die großen Konzerne, die mit viel Tamtam die Gebäudekomplexe hochgezogen haben ziehen so langsam alle wieder ab (Daimler hat schon verkauft, Sony plant dies), neue Mieter finden sich nur langsam und am direkt anschließenden Leipziger Platz verbreiten schon seit Jahren große, mit Planen überspannte Gerüste die klägliche Illusion eines geschlossenen Platzes.

Die Hypovereinsbank hatte vor kurzem genug vom andauernden Leerstand in ihren Park Kolonnaden und wagte sich an ein neues Konzept, um die Räumlichkeiten mit Leben zu füllen und überließ die Räumlichkeiten der USB art consult GmbH, die dort seit dem 25. Mai die Expressionale veranstaltet.

Im Mittelpunkt der dreimonatigen Ausstellung steht die Sammlung Karsch-Nierendorf, aus der 150 verschiedene Werke von Künstlern wie Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Christian Rohlfs und Josef Scharl in einem eigens aufgestellten Pavillon ausgestellt werden.

In einer weiteren Sonderaustellung werden Bilder von George Grosz gezeigt, in einem extra abgetrennten Bereich Bilder unter dem Motto George Grosz und die Erotik.

Wer unter dieser Bezeichnung nun romantische Verklärungen und sehnsuchtsvolle Schmachtbilder erwartet sollte spätestens beim Warnhinweis FSK 18 vor Betreten des Raumes wieder in die Groszsche Realität zurückgeholt werden, denn die Bilder sind in der Tat nichts für sanfte Gemüter, hier hat Grosz seine innersten Phantasien auf Leinwand gebannt.

Prall erigierte, überdimensionale Penisse an erregten Zwittern, schamlose Aktmodelle, die sich willig dem Maler hingeben; es tropft, es spritzt und ein kollektives Aufstöhnen scheint über dem Raum zu liegen.

Museen würden diese Bilder vermutlich nicht mit der Kneifzange anfassen und das ideale Umfeld scheint mir auch eher ein Bordell der 20er oder 30er Jahre zu sein.

Grosz haben seine Bilder übrigens häufig Probleme mit der Justiz eingebracht, seien es nun Prozesse wegen Gotteslästerung, Beleidigung der Reichswehr oder Angriff auf die öffentliche Moral.

Allein seine Bilder hätten den Besuch schon gelohnt!

Doch zusätzlich zu den Bildern und Skulpturen der Austelleung umfasst die Expressionale weitere Ausstellungsflächen mit Skulpturen von Joachim Karsch sowie Gerhardt Marcks, ein weiterer Raum mit Druckgrafiken von Franz Hitzler und Bernd Zimmer sowie als Schwenk zur zeitgenössischen Kunst Einzelaustellungen mit Werken von Louise Christine Thiele (Skulptur) und Rolf Händler (Malerei).

Deren Werke kann man auch ohne Eintritt besichtigen, denn sie sind mehr Galerie als Ausstellung: Sämtliche Objekte können käuflich erworben werden.

All diese Werke haben ihren eigenen Charakter und sind doch auf die eine oder andere Weise miteinander verknüpft.

So haben die Künstler der 20er Jahre vielfach in ihrem künstlerischen Schaffen zunächst als Architekten angefangen, sind dann jedoch zu der Überzeugung gelangt, daß man nur mit Malerei die Welt verändern und eine Revolution vorantreiben könnte.

Hitzler und Zimmer wiederum, beide ’68er sind mit exakt derselben Begründung den umgekehrten Weg gegangen und haben sich der Architektur zugewandt, wie mir die sehr freundliche und interessierte Aufsicht erklärte.

Der Höhepunkt dieser Ausstellung war jedoch die Besichtigung der Skulpturen von Louise Christine Thiele.

Ich denke, daß jedem das Bedürfnis bekannt ist, Kunst nicht nur optisch (oder auch akustisch) zu erfahren, sondern das Gehirn giert regelrecht auch nach einer haptischen Wahrnehmung.

Man möchte vor allem Skulpturen unbedingt berühren, möchte die Form der Köper nachstreichen, die Oberflächenbeschaffenheit fühlen, kalter Marmor, feste Bronze, lebendiges Holz…

Louise Christine Thiele kennt offensichtlich dieses Bedürfnis und fördert die Auslebung dieses Bedürfnisses mit ihrer Kunst. Denn Anfassen ist bei ihren Skulpturen nicht nur erlaubt und toleriert, es ist gewünscht!

Im Grunde auch eine gute Verkaufsmethode, denn die Berührung fördert die emotionale Verbundenheit mit den Werken, schaltet somit das rationale Denken aus und nach einer halben Stunde der Besichtigung erscheinen auch 16.000€ für eine kleine Bronzestatue plötzlich nicht mehr so viel zu sein.

Nach exakt demselben Prinzip funktionieren übrigens Marken im Konsumbereich.

Sehr intensiv nahegebracht wurde mir diese Ausstellung übrigens von einem hübschen Lockenkopf namens Maria, mit der ich eine gute dreiviertel Stunde angeregt über die Skulpturen, die Künstlerin, über das Berühren von Kunstwerken und noch so mancherlei anderen Kram plauderte.

Wohl zum allerersten Mal verließ ich eine Ausstellung mit einem Lächeln im Gesicht, auch wenn dieses Lächeln nur teilweise mit der gezeigten Kunst zusammenhing…

—————————————————————

Die Expressionale kann noch bis zum 24. August in den Park Kolonnaden am Potsdamer Platz Montags bis Sonntags in der Zeit von 10.00 – 22.00 Uhr besichtigt werden.

www.expressionale.de

2 Kommentare zu “Die Expressionale, oder: Warum ich manchmal doch lächle…”


  1. 1 mo ses

    Ein hochkarätiges Nutzungskonzept mit Zukunft. Der Mut der Ausstellungsmacher wird hoffentlich belohnt. Auf dass es auch im folgenden Jahr – wie angekündigt – wieder eine Expressionale gibt und der Potsdamer Platz endlich aus seinem kulturellen Dämmerzustand gerissen wird.

  2. 2 Georg

    Skulpturen zum Anfassen – das spricht einem aber wirklich aus der Seele! Danke für diesen wunderbaren Bericht, und das Lächeln :)

Kommentar schreiben