Monatsarchiv für Mai 2008

Bewegtes


Alone in Tokyo HD from Philip Bloom on Vimeo.

Diese Filme würde ich als aneinandergereihte und bewegte Fotos beschreiben. Äußerst gute Fotos, genau die richtigen Momente, tolle Perspektiven und Details. Daher tut sich bei mir die Frage auf: Ist das nicht vielleicht die schwierigere, entwickeltere Art der Fotografie? Einerseits ist es einfacher, da die Situation nicht in genau einem Moment festgehalten werden muß, denn auch nur wenige Sekunden bewegtes Bild erzählen und erklären mehr als ein Foto von der selben Situation. Und wenn man eine Zeitlupe drüber laufen lässt, sieht es auch gleich interessanter und stimmungsvoller aus. Die Musik tut ihr übriges. Andererseits ist die Bedienung der Kamera natürlich nocheinmal schwieriger, da eben noch die Zeit dazu kommt. Und in dieser Auflösung und Qualität muß man auch sehr genau auf den Fokus achten. Ich habe jedenfalls große Lust bekommen, auch einmal die vierte Dimension zu verwenden – auf die damit verbundene Technikschlacht und Geldvernichtung dagegen deutlich weniger.
Auf seiner (sehr unübersichtlichen) Seite philipbloom.net oder bei Vimeo gibt es noch mehr Videos von ihm, auch in 720p und zum runterladen (auf seiner Seite). Sind nahezu alle ähnlich gut und bereiten Freude im Auge. Großen Respekt an dieser Stelle.

Kollektive Schuld?

Seit nunmehr einem halben Jahr führe ich schon Touristen durch Berlin, erzähle Spannendes, Unterhaltsames, Bewegendes, Begeisterndes.

Niemals zuvor hatte ich mir vorstellen können, daß es einen Beruf gibt, der mich dermaßen begeistern, motivieren, erfüllen könnte wie es diese Aufgabe tut. Ich zeige und erkläre den Leuten Berlin, die deutsche Geschichte, betone das Lichte, verschweige die Schatten nicht und vermittle so das extreme Spannungsfeld, in dem sich die deutsche Geschichte, die deutsche Identität abspielt.

Denn unter all den Anekdoten, den faszinierenden, bizarren, erstaunlichen Geschichten, die diese Stadt hervorgebracht hat sticht letzten Endes eine elementare Frage hervor:

Wer sind wir?

Was bedeutet es, deutsch zu sein? Was ist unsere Identität, unser Selbstverständnis als Volk, als Nation? Was bedeutet unsere Geschichte, wie wirkt sie sich auf unser tägliches Handeln aus?

Sind wir das friedliche, entspannte Partyvolk der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, offen, weltzugewandt und modern oder sind wir das Volk der Täter, das Volk der Massenmörder des Holocaust, engstirnig, intolerant, militaristisch-kalt?

Viele Leute möchten darüber gar nicht erst nachdenken, wollen sich gar nicht zu sehr mit der Thematik auseinandersetzen. Die einen wollen einfach ihr Leben leben, ohne sich mit geschichtlichem Ballast abzumühen, andere zelebrieren geradezu eine antinationale Identität, die bereits jeden Versuch über eine deutsche Identität auch nur nachzudenken als Rückschritt in die dunkle Vergangenheit ansieht.

Doch als Tourguide kann man dieser Frage über kurz oder lang nicht ausweichen. Denn fast täglich wird man mit all dem konfrontiert, was die deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre bewegt hat.

Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht, denn jeder vermeintliche Schritt in Richtung einer Antwort provoziert wiederum einen Haufen weiterer Fragen.

Auf der Suche nach einem weiteren Puzzlestück begab ich mich heute in den Ort der Information unter dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Obwohl ich tagtäglich über dieses Informationszentrum auf den Touren berichte war ich bis heute selbst noch nie dort drinnen gewesen, hatte nur Informationen aus zweiter Hand weitergegeben.

Das Informationszentrum ist nicht einmal sehr groß, es ist schlicht und im Stil des Denkmales selbst gehalten, 4 mittelgroße Räume, eine Eingangshalle, ein Buchladen.

Der Rundgang beginnt mit einem kurzen Abriss der Entwicklung der Judenverfolgung im Dritten Reich hin bis zum Holocaust und dem Kriegsende. Klar und nüchtern, eine simple Einführung in das, was einen erwartet.

Im ersten Ausstellungsraum werden Zitate aus Selbstzeugnissen der Opfer und die Darstellung der europäischen Dimension des Holocaust gezeigt. Die Zitate sind auf Glasplatten lesbar, die im Boden eingelassen sind und von unten beleuchtet werden. Jede dieser Glasplatten »spiegelt« in Größe und Plazierung eine oberirdische Stele im Boden wider – als virtuelle Fortsetzung des oberirdischen Stelenfeldes.

Der Raum ist leicht abgedunkelt, die beleuchteten Glasplatten ziehen die Aufmerksamkeit zunächst vollständig auf sich. Erst nach kurzem Verweilen, nachdem man bereits ein oder zwei der Zitate gelesen hat blickt man einmal nach oben und sieht, daß an der Oberseite der Wände entlanglaufend Ländernamen sowie Zahlen angebracht sind:

Lettland ca. 100 Polen 2.900.000 – 3.300.000 usw.

Stalin hat einmal gesagt: “Ein einzelner Toter ist eine Tragödie, eine Million Tote nur eine Statistik.”

Doch dieser Raum dreht dieses zynische Gesetzmäßigkeit um, anonyme Zahlen werden plötzlich individuellen Schicksalen gegenübergestellt, personalisiert, durch die Höhe der Zahlen gleichzeitig ins Unfassbare erweitert und auf den Betrachter zurückgeworfen.

Vorbei ist es mit der Seelenruhe, zitternd und unsicher stehe ich vor den Zitaten, ringe um Selbstbeherrschung, reibe mir Feuchtigkeit aus dem Gesicht.

Im zweiten Raum »durchdringen« die Stelen des Feldes den Ort der Information von oben. Auf ihnen werden 15 Lebensgeschichten – stellvertretend für das Schicksal vieler jüdisch-europäischer Familien – gezeigt. Die Stelen, die scheinbar durch die Decke in den Ort der Information bis auf eine Höhe von 0,70 m hineinragen, werden ihrerseits wieder von diesen individuellen Lebensgeschichten durchdrungen. Die Hinterleuchtung der Exponate erhellt den Raum. Zusätzlich wirft jede hängende Stele Licht in ihrer Grundrissform auf den Boden und reflektiert es indirekt in den Raum.

Exemplarische Lebensgeschichten von jüdischen Familien aus ganz Europa, Familienfotos. Ich streune nur kurz durch den Raum, noch immer sehr mitgenommen vom ersten Raum, dessen emotionale Wirkung den zweiten Raum deutlich übersteigt.

Der dritte Raum, der Raum der Namen, ist bis auf drei Sitzbänke leer. Hier wird im Gegensatz zu den anderen drei Themenräumen das Raster des Stelenfeldes nur durch das Format und die Platzierung von Sitzbänken zitiert.

Der dritte Raum ist der eigentliche Grund, warum ich diese Informationsstätte aufgesucht habe, ich erzähle auf jeder Tour davon.

Denn im dritten Raum wird immer ein Name und die Lebensdaten eines der jüdischen Opfer des Holocaust an die Wände projiziert, über Lautsprecher wird ein kurzer biografischer Abriss des oder der Toten auf deutsch und auf englisch gegeben, anschließend wird ein neuer Name eingeblendet usw.

Die Vorstellung sämtlicher Schicksale auf diese Weise dauert ca. 6 Jahre, 7 Monate und 27 Tage. Solange benötigt der Zyklus, um einmal komplett durchzulaufen. Eröffnet wurde das Denkmal im Jahre 2005, erst im Jahre 2012 werden alle Schicksale einmal verlesen worden sein und der Zyklus wird wieder von vorne beginnen.

Im letzten der vier Themenräume, im Raum der Orte, dringen die Stelen aus den Wänden heraus auf den Ausstellungsbesucher zu. Im Zentrum steht die geographische Dimension des Holocaust. Die Breitseiten der Kuben dienen als Projektionsflächen für historisches Film- und Photomaterial.

Im letzten Raum verweilte ich ebenfalls nur kurz, zu mitgenommen war ich von dem Gesehenen, überflog nur das Gezeigte (ich war noch nie in meinem Leben in einem Konzentrationslager), durchstreife anschließend einmal kurz den Buchladen, bevor ich das Zentrum wieder verließ.

Draußen scheint die Sonne, es ist ein wunderschöner Tag in Berlin. Im Volkspark Friedrichshain wird gegrillt, in Kreuzberg spielt am Abend die Band einer Kollegin , es gibt noch Dutzende weiterer Dinge, die am Nachmittag und am Abend gemacht werden könnten.

Doch ich möchte einfach nur alleine sein, fahre bald darauf nach Hause, schlafe eine Weile, überlege, ob ich nicht doch noch weggehen möchte, entscheide mich dagegen, denke lieber in Ruhe nach.

Alleine der jüdische Holocaust hat zwischen 5,4 und 6 Millionen Todesopfer gefordert.

Bin ich schuld am Holocaust? Selbstverständlich nicht! Der zweite Weltkrieg war bereits seit 37 Jahren vorbei als ich geboren wurde.

Nichtsdestotrotz fühle ich mich schuldig. Denn wir Deutsche als Ganze (ob man sich nun als Teil sieht oder nicht) tragen diese Schuld noch immer. Wir sind verantwortlich für den Holocaust! Nicht als Individuen, sondern als Volk.

Dass wir diese Schuld nicht einfach nur verdrängen und verschweigen, sondern uns im Gegenteil bewußt mit dieser Schuld konfrontieren, dass wir das Gedenken nicht aufgeben, dass wir Denkmale und Erinnerungsstätten direkt in den Zentren unserer Städte errichten ist wiederum in meinen Augen einer der herausragendsten und positivsten Eigenschaften der deutschen Identität und macht uns einzigartig unter den Völkern dieser Welt.

Es ist nicht das Dritte Reich an sich, das unsere heutige Identität bestimmt, es ist unser Umgang mit dieser Vergangenheit, der uns definiert.

Egal, ob uns das gefällt oder nicht…

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Der Ort der Information ist von April bis September von 10.00 bis 20.00 Uhr geöffnet (letzter Einlass 19.15 Uhr). Von Oktober bis März können Besucher die Ausstellung von 10.00 bis 19.00 Uhr besichtigen (letzter Einlass 18.15 Uhr). Montags ist der Ort der Information geschlossen.

Die kursiv gedruckten Textstellen sind direkt von der Website http://www.stiftung-denkmal.de/ entnommen worden.

Freudscher Versprecher

Wenn man über die unterschiedliche Einstellung von Geschwistern zu ihrer eigenen Familie sprechen möchte und ohne Absicht das zu Sagende mit den Worten “Meine Schwester und ihre Familie…” einleitet, dann kann man sich jedes weitere Wort sparen…

Warum ich nicht lächle, wenn ich aus Museen komme

Für viele Leute scheint der Besuch in einem Museum einfach nur eine Ausweitung ihres Bedürfnisses nach Unterhaltung zu sein, gepaart mit der Überzeugung, das Ansehen von Kunst sei zumindest etwas Höherwertiges als ein Besuch im Kino oder ein Abend auf der Couch mit der 87. Staffel der aktuellen Hype-Serie im Fernsehen.

Letztere Ansicht zumindest scheint mir die Grundlage dafür zu sein, daß manche Leute sich in Museen vor Bilder stellen und sich dann fotografieren lassen. Man möchte im Grunde nur angeben: “Schaut, was ich mir angesehen habe; bewundert, wie gebildet ich bin!”

Der Ausspruch “Ich war im Museum.” scheint somit für die meisten Menschen als klare Aussage abgeschlossen: Ich war dort, ich habe mir Kunst angesehen, jetzt will ich nen Burger. Fertig!

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, zumindest für mich nicht.

Kunst ist für mich nicht einfach Unterhaltung, keine oberflächliche Zerstreuung für kurze Zeit, die einen erfrischt und mit einem entspannten und zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht aus dem Museum ziehen lässt.

Wenn ich ein Werk wirklich gut finde, dann überwältigt und erobert es mich vollständig, packt meine Sinne, schüttelt und verwirrt meinen Verstand, meine Emotionen, stellt mein Selbstverständnis in Frage und lässt mich erschöpft und überwältigt zurück mit einem Gefühl des tiefen, strudelnden Sehnens nach…

Ja, wonach eigentlich?

Nach einem verwandten Geist?

Nach einer Antwort?

Nach einem Sinn?

Früher oder später schaltet der Geist dann auf Selbstschutz um, zieht die Aufmerksamkeit nach innen, verweigert die offensive Auseinandersetzung mit dem Erlebtem, um es nicht in noch intensiverer Form wieder aufbranden zu lassen.

Eine Art kommunikativer Knockout auf allen Ebenen: Gestik, Mimik, Artikulation; alles ist auf ein grundlegendes Minimum reduziert.

Es kostet mich dann schon Mühe überhaupt ein Gespräch zu führen, selbst auf Nachfrage, warum ich so still und schlecht gelaunt wirke würde ich keine ehrliche Antwort geben.

Allerhöchstens quäle ich mir dann ein “Ich muss das alles noch verarbeiten…” heraus und versuche auf ein anderes Thema überzuleiten.

Ein ehrliches Lächeln, das nicht wie eine verzogene Fratze aussieht, liegt jenseits jedweder Möglichkeit.

Darum lächle ich nicht, wenn ich aus Museen komme…

You dont need no air to dance

Heute habe ich mich gefragt, warum ich 20€ dafür ausgebe um auf einer Fläche stehen zu dürfen die nur wenig größer als meine beiden Füße ist, dabei nahezu jeglichen Sauerstoff entzogen zu bekommen, stinkende Raucherfahnen ertragen zu müssen und zu allem Überfluss noch Angst haben zu müssen innerhalb der nächsten 20 Minuten auszusehen wie eine ausgetrocknete Olive, wenn nichts Trinkbares beschafft wird.
Dann kommen 3 Leute auf die Bühne. Warum sie das Publikum erst noch eine halbe Stunde dumm rumstehen lassen weiß auch nur die Bundesunhöflichkeitsbeauftragte. Zwei Drittel der Band sehen aus wie die langweiligsten Standardmenschen von Standardistan und der Dritte gleicht im Todesgrad etwa den Rolling Stones, ist aber nur halb so alt (die Stones sind doch 80?). Der Schuppen – das Maria am Ostbahnhof – legt wert darauf wenig zu beleuchten, damit man nicht sieht wie schäbig es ist. Wobei es eigentlich auch egal ist, wie schäbig der Laden ist, aber unter den geschilderten Umständen wird ein Genießen der Musik ein wirkliche Aufgabe. Die überall blinkenden und blitzenden Digitalknipsen und die sich ob der schlechten Bilder wundernden “Zuhörer” (und wie war das Konzert? – Weiß nicht, hab das Video noch nicht gesehen) lassen den Aggressionspegel weiter steigen.
Warum nicht gehen? Die Musik ist einfach zu gut. Diese eigenartige Kombination von Menschen und ihr teilweise wirklich extraordinäres Können begeistern. Nicht nur auf Platte sind Shellac wirklich gut. Die Ryhtmen, die Monotonie, die Abwechslung, die Melodien, die Texte. Für eine Zugabe scheinen sie sich aber zu schade gewesen zu sein. Dafür bauen sie direkt anschließend ihr Equipment selbst ab, während die Leute noch zuschauen. Completely strange. Am Ende habe ich mich geärgert nicht mehr abgegangen zu sein, mehr in der Mitte gestanden zu haben und mein vorhandenes selbstinduziertes Delirium nicht agressionsabbauender und roten und andersfarbigen Scheißdreck herauspustender genutzt zu haben. Trotzdem bin ich halbwegs froh eines der beiden Deutschlandkonzerte besucht zu haben.