Aus dem Steppenwolf von Hermann Hesse.
‘Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen, als bis sie es können.’ Ist das nicht witzig? Natürlich wollen sie nicht schwimmen! Sie sind ja für den Boden geboren, nicht für das Wasser. Und natürlich wollen sie nicht denken; sie sind ja fürs Leben geschaffen, nicht fürs Denken! Ja, und wer denkt, wer das Denken zur Hauptsache macht, der kann es darin zwar weit bringen, aber er hat doch eben den Boden mit dem Wasser vertauscht, und einmal wird er ersaufen.
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Es sind dann doch einige Zitate geworden. Doch am liebsten hätte ich alle fett geschrieben, da das eine mir wichtiger erscheint als das nächste.
Ich erkannte, daß Haller ein Genie des Leidens sei, daß er, im Sinne mancher Aussprüche Nietzsches, in sich eine geniale, eine unbegrenzte, furchtbare Leidensfähigkeit herangebildet habe. Zugleich erkannte ich, daß nicht Weltverachtung sondern Selbstverachtung die Basis seines Pessimismus sei, denn so schonungslos und vernichtend er von Institutionen oder Personen reden konnte, nie schloß er sich aus, immer war er selbst der erste, gegen den er seine Pfeile richtete, war er selbst der erste, den er haßte und verneinte…
Dieser Satz hat mich im Inneren getroffen, denn er hat dieses Leiden, die Fähigkeit zu leiden als etwas positives aufgenommen. Wertschätzung ist der erste Schritt.
Es brennt alsdann in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust, irgend etwas kaputt zu schlagen; [...] Denn dies haßte, verabscheute und verfluchte ich von allem doch am innigsten: diese Zufriedenheit, diese Gesundheit, Behaglichkeit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen.
Drastisch und in Rage geschrieben, doch nachvollziehbar. Allerdings steckt in dieser Abscheu auch immer etwas Neid. Man verabscheut nur Dinge, die etwas mit sich selbst zu tun haben, die einem eine eigene Eigenschaft spiegeln. Sonst sind sie einem einfach egal.
Er hatte vieles von dem gelernt, was Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich kluger Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, war dies: mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein.
Der Machtmensch geht an der Macht zugrunde, der Geldmensch am Geld, der Unterwürfige am Dienen, der Lustsucher an der Lust. Und so ging der Steppenwolf an seiner Unabhängigkeit zugrunde.
Der Mensch ist des Denkens nicht in hohem Maße fähig, und auch noch der geistigste und gebildetste Mensch sieht die Welt und sich beständig durch die Brille sehr naiver, vereinfachender und umlügender Formeln an – am meisten aber sich selbst!
Zugleich dachte ich: so, wie ich jetzt mich anziehe und ausgehe, den Professor besuche und mehr oder weniger erlogene Artigkeiten mit ihm austausche, alles ohne es eigentlich zu wollen, so tun und leben und handeln die meisten Menschen Tag für Tag, Stunde um Stunde zwanghaft, mechanisch, ungewollt, alles könnte ebensogut von Maschinen gemacht werden oder unterbleiben; und diese ewige fortlaufende Mechanik ist es, die sie hindert, gleich mir, Kritik am eigenen Leben zu üben, seine Dummheit und Seichtheit, seine scheußlich grinsende Fragwürdigkeit, seine hoffnungslose Trauer und Öde zu erkennen und zu fühlen. Oh, und sie haben recht, unendlich recht, die Menschen, daß sie so leben, daß sie ihre Spielchen spielen und ihren Wichtigkeiten nachlaufen, statt sich gegen die betrübende Mechanik zu wehren und verzweifelt ins Leere zu starren, wie ich entgleister Mensch es tue.
Merkwürdige Ansichten, die du vom Leben hast! Du hast also immer schwierige und komplizierte Sachen getrieben, und die einfachen hast du gar nicht gelernt? Keine Zeit? Keine Lust? Na meinetwegen, Gott sei Dank bin ich nicht deine Mutter. Aber dann so tun als hättest du das Leben durchprobiert und nichts daran gefunden, nein das geht nicht!
[…] es war auch einerlei; mir lag nichts daran, dies zu wissen. An keinem Wissen, an keiner einsicht war mir mehr das mindeste gelegen, eben damit war ich ja überfüttert, eben darin lag die schärfste und höhnendste Qual und Schmach für mich, daß ich meinen eigenen Zustand so deutlich sah, seiner so sehr bewußt war. […] Aber nicht Wissen und Verstehen war es, was mir not tat, wonach ich mich so verzweifelt sehnte, sondern Erleben, Entscheidungen, Stoß und Sprung.
Paß auf, ich gebe dir ein Stück von diesem schönen Entenbeinchen, du wirst sehen. So, mach den Mund auf! – Oh, was für ein Scheusal du bist! Jetzt hat er, weiß Gott, zu den andern Leuten hinübergeschielt, ob sie es nicht sehen, wenn er einen Bissen von meiner Gabel kriegt! Sei ohne Sorge, du verlorener Sohn, ich werde dir keine Schande machen. Aber wenn du zu deinem Vergnügen erst die Erlaubnis anderer Leute brauchst, dann bist du wirklich ein armer Tropf.
Lieber Gott, dachte ich, nun soll ich also hier eingeführt und heimisch werden, in dieser mir so fremden und widerwärtigen, in dieser bisher von mir so sorgfältig gemiedenen, so tief verachteten Welt der Bummler und Vergnügungsmenschen, in dieser glatten, klischierten Welt der Marmortischchen, der Jazzmusik, der Kokotten, der Handlungsreisenden!
Und ob ich dich auslache, ist dir natürlich einerlei. Was du für ein Feigling bist! Das Ausgelachtwerden riskiert ein jeder, der sich einem Mädchen nähert; das ist der Einsatz. Also riskiere, Harry, und im schlimmsten Fall laß dich eben auslachen […]
Ich verzweifle nicht, Harry. Aber am Leben leiden – o ja, darin bin ich erfahren. Du wunderst dich, daß ich nicht glücklich bin, weil ich doch tanzen kann und mich an der Oberfläche des Lebens so gut auskenne. Und ich, Freund, wundere mich, daß du vom Leben so enttäuscht bist, da du doch gerade in den schönsten und tiefsten Dingen heimisch bist, im Geist, in der Kunst, im Denken! Darum haben wir einander angezogen, darum sind wir Geschwister. Ich werde dich lehren, zu tanzen und zu spielen und zu lächeln und doch nicht zufrieden zu sein. Und werde von dir lernen, zu denken und zu wissen und doch nicht zufrieden zu sein. Weißt du, daß wir beide Kinder des Teufels sind?
Hier mußte ich an eine Jugendliebe von mir denken. Sie die Partyschnickse, ich der Ruhige. Es hielt nicht lange, aber es war eine Erfahrung sondergleichen.
Ein kleiner Junge bist du. Und ebenso, wie du zu bequem warst, um tanzen zu lernen, bis es beinahe zu spät war, so warst du auch zu bequem, um lieben zu lernen. Ideal und tragisch lieben, o Freund, das kannst du gewiß vortrefflich, ich zweifle nicht daran, alle Achtung davor! Du wirst nun lernen auch ein wenig gewöhnlich und menschlich zu lieben.
Die paar Fähigkeiten und Übungen, in denen ich zufällig stark war, hatte ich allein gelten lassen und hatte das Bild eines Harry gemalt, und das Leben eines Harry gelebt, der eigentlich nichts war als ein sehr zart ausgebildeter Spezialist für Dichtung, Musik und Philosophie – den ganzen Rest meiner Person, das ganze übrige Chaos und Fähigkeiten, Trieben, Strebungen hatte ich als lästig empfunden und mit dem Namen Steppenwolf belegt.
Pfui Teufel, er war zum Erbrechen, dieser Herr Haller! Und dennoch klammerte ich mich an ihn oder an seine schon sich auflösende Larve, an sein Kokettieren mit dem Geistigen, an seine Bürgerfurcht vor dem Ungeordneten und Zufälligen (wozu auch der Tod gehörte) und verglich den werdenden neuen Harry, diesen etwas schüchternen und komischen Dilettanten der Tanzsäle, höhnisch und voll Neid mit jenem einstigen, verlogen-idealen Harrybild, an welchem er inzwischen alle fatalen Züge entdeckt hatte, die ihn damals an des Professors Goethe-Radierung so sehr gestört hatten. Er selbst, der alte Harry, war genau solch ein bürgerlich idealisierender Goethe gewesen, so ein Geistesheld mit allzu edlem Blick, von Erhabenheit, Geist und Mensclichkeit strahlend wie von Brillantine und beinahe über den eigenen Seelenadel gerührt!
Maria hatte keine Bildung, sie hatte diese Umwege und Ersatzwelten nicht nötig, ihre Probleme wuchsen alle unmittelbar aus den Sinnen.
Ich war eine Weile trostlos, und ich habe lange Zeit die Schuld an mir selber gesucht. Das Leben, dachte ich, muß doch schließlich immer recht haben, und wenn das Leben meine schönen Träume verhöhnte, so dachte ich, es werden eben meine Träume dumm gewesen sein und unrecht gehabt haben. Aber das half gar nichts. […] und da sah ich, Harry: meine Träume hatten recht gehabt, tausendmal recht, ebenso wie deine. Das Leben aber, die Wirklichkeit hatte unrecht.
Du bist für diese einfache, bequeme, mit so wenigem zufriedene Welt von heute viel zu anspruchsvoll und hungrig, sie speit dich aus, du hast für sie eine Dimension zuviel. Wer heute leben und seines Lebens froh werden will, der darf kein Mensch sein wie du und ich. Wer statt Gedudel Musik, statt Vergnügen Freude, statt Geld Seele, statt Betrieb echte Arbeit, statt Spielerei echte Leidenschaft verlangt, für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat…
Ohne Zweifel haben Sie ja längst erraten, daß die Überwindung der Zeit, die Erlösung von der Wirklichkeit, und was immer für Namen Sie Ihrer Sehnsucht geben mögen, nichts andres bedeuten als den Wunsch, Ihrer sogenannten Persönlichkeit ledig zu werden. Sie ist das Gefängnis, in dem Sie sitzen.
So, und jetzt ist bloß noch eine ganz kleine, lustige Zeremonie zu vollziehen. Du hast jetzt deine Persönlichkeitsbrille weggeworden, nun komm einmal und schaue in einen richtigen Spiegel! Es wird dir Spaß machen.
Und einer, der mir ganz besonders gefiel, ein hübscher, reizender Junge von sechzehn oder siebzehn Jahren, lief wie der Blitz in den Korridor hinein, las gierig die Inschriften an all den Türen, ich lief hinterher, vor einer Türe blieb er stehen, ich las an ihr die Aufschrift: Alle Mädchen sind dein! Einwurf eine Mark
Erlauben sie, alter Herr, mein Name ist Gustav. Wir haben uns gestattet, Ihren Chauffeur zu erschießen. Dürfen wir sie fragen, mit wem wir die Ehre haben?
Das, was mir Pflicht schien und was mir von Autoritäten und Vorgesetzten jeweiles befohlen worden ist, war alles gar nicht gut, ich hätte stets lieber das Gegenteil getan. Aber wenn ich den Begriff der Pflicht nicht mehr kenne, so kenn ich doch den der Schuld – vielleicht sind sie beide dasselbe. Indem eine Mutter mich geboren hat, bin ich schuldig, bin ich verurteilt zu leben, bin verpflichtet, einem Staat anzugehören, Soldat zu sein, zu töten, Steuern für Rüstung zu bezahlen.
Schilder an den Türen des magischen Theaters:
Genußreicher Selbstmord – Du lachst dich kaputt
O daß ich tausend Zungen hätte! Nur für Herren
Anleitung zum Aufbau der Persönlichkeit – Erfolg garantiert
Heute wußte ich, daß kein Tierbändiger, kein Minister, kein General, kein Irrsinniger Gedanken und Bilder in seinem Gehirn auszubrüten fähig war, die nicht ebenso scheußlich, ebenso wild und böse, ebenso roh und dumm in mir selber wohnten.
Alle Mädchen sind dein – und es schien mir, alles in allem, doch eigentlich nichts anderes so begehrenswert wie dieses.
Gewiß, das Leben ist immer furchtbar. Wir können nichts dafür und sind doch verantwortlich. Man wird geboren, und schon ist man schuldig. Sie müssen einen merkwürdigen Religionsunterricht genossen haben, wenn Sie das nicht wußten.
In der Tat spuckte, zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen und Entsetzten, der teuflische Blechtrichter nun alsbals jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten des Radios übereingekommen sind, Musik zu nennen – […]
Sie sollen lachen lernen, das wird von Ihnen verlangt. Sie sollen den Humor des Lebens, den Galgenhumor dieses Lebens erfassen. […] Sie sollen leben, und Sie sollen das Lachen lernen. Sie sollen die verfluchte Radiomusik des Lebens anhören lernen, sollen den Geist hinter ihr verehren, sollen über den Klimbim in ihr lachen lernen. Fertig, mehr wird nicht von Ihnen verlangt.

Zitat 5 finde ich am besten, kurz und knapp und auf den Punkt gebracht. Restresonanz später
Ich hatte mir vorgenommen alle zu lesen…..es sind einfach zu viele. Aber Marie hat recht, das eine ist mir auch gleich ins Auge gefallen und ich finde es fasst all die Anderen wunderbar zusammen.
Wobei ich zusaetzlich noch dich zitieren wuerde:
Ich glaube das sind die beiden wichtigsten Dinge/Gedanken/Weisheiten/was-passendes, die man sich im Leben zu Herzen nehmen sollte.