Die Berliner Ringbahn ist immer für eine Überraschung gut: Seien es leere Bierflaschen, rauchende Handwerker, vor sich hinbrabbelnde Zeitgenossen, die Liebe seines Lebens (die man natürlich aussteigen lässt ohne sie angesprochen zu haben), großflächige Kotzeflecken, kaum gelesene Zeitungen oder hochbegabte musikalische Jungtalente; in der Ringbahn findet man sie alle!
Gestern abend lachte mich auf meinem Sitzplatz eine kleine Zeitschrift mit dem vielsagenden Titel ‘Backpackor Europe’ (nein, ich habe mich nicht vertippt) an, das darauf abgebildete Motiv eines braungebrannten, nur spärlich von einem G-String bedeckten Frauenhinterns lud zur Lektüre ein. Neben den vielen hochinteressanten und fundiert recherchierten Artikeln (“Is Prague the new Paris?”) war der wirkliche Höhepunkt dieser kostenlosen Zeitschrift jedoch eine der vielfältigen Werbeanzeigen, der dieser Eintrag seinen Titel verdankt. Get Happy…The Hippie Trail Is Back. Das OzBus-Team hat den berühmten Hippie Trail der 70er Jahre wieder aufleben lassen! Endlich kann man diese legendäre Reise wieder unternehmen, mithilfe ortskundiger Hilfe im modernen Reisebus, nur die Visa muss man sich selbst organiseren.
49 Tage und tausende Kilometer in einem Bus, wer wollte das nicht schon immer mal erleben? Zudem führt die Route durch abenteuerliches und legendäres Gelände, denn die Reise geht von Istanbul nach Kathmandu: Die Reise beginnt also in Istanbul, dem Tor zum Nahen Osten und führt einmal quer durch die Türkei, durch den südöstlichen Teil, und von dort aus weiter in den Iran. Wer mit der aktuellen politischen Lage in der Region nicht vertraut sein sollte, dem sei erläutert, daß die türkische Armee aktuell eine große Armeeoffensive im Nordirak gegen die Kurden abhält, weswegen diese mit Vergeltungsattentaten in der Türkei gedroht haben. Wir fahren natürlich mitten durch.
Weiter geht es durch den beschaulichen Iran, dessen Regierung in der Region gerade Oberwasser hat aufgrund der Schwächung des Irak, aufgrund des hohen Ölpreises aktuell auch ganz gut verdient und darum seinen diktatorischen Klammergriff ziemlich unangefochten über das iranische Volk aufrecht erhalten kann. Solange die USA oder Israel sich nicht doch spontan dazu entscheiden sollten ein paar Bomben auf das Land abzuwerfen also ein ruhiges und gemütliches Zwischenstück in der langen Reise.
Bei Zahedan wird der Iran verlassen, man fährt hinüber ins ebenso beschauliche Pakistan, dem einzigen islamischen Land der Welt, welches im Besitz von Atomwaffen ist und in dem President Musharaf sich eisern an der Macht festzuklammern versucht, was ihm Dank der USA zumindest aktuell noch gelingt, in dem Oppositionspolitiker gerne einmal durch Bombenanschläge getötet werden und in dessen Grenzregion zu Afghanistan, eben genau jener Region, durch die uns unsere Reise eine weite Strecke führt, die dortigen Stämme so gastfreundlich sind, daß sie wohl aktuell auch Osama Bin Laden Zuflucht gewähren.
An etwas Aufregung inzwischen natürlich schon gewöhnt, läßt es sich die Reiseleitung natürlich auch nicht nehmen ausgerechnet dort indischen Boden zu betreten, wo sich die für seine Wolle berühmte Region Kashmir erstreckt. Zwar betrachten sowohl Pakistan als auch Indien diese Provinz als ihr Territorium, es gab um diesen Landstrich bereits mehrere Kriege zwischen den beiden Ländern und gewaltätige Separatisten machen das Leben noch zusätzlich interessant, aber das schreckt unsere abgehärtete Abenteurer inzwischen schon längst nicht mehr!
Die Reise endet schließlich in der Hauptstadt Nepals: Kathmandu. Der dort bis 2006 andauernde Bürgerkrieg ist inzwischen beendet, die Monarchie erlebt zur Zeit ihre letzten Atemzüge und im April soll die Republik ausgerufen werden. Ob der König seine Macht wirklich einfach so abgeben und verschwinden wird sei dahingestellt…
Am Ende hat man eine Reise durch die aktuell wohl gefährlichsten und instabilsten Regionen unseres Planeten hinter sich gebracht, viel Sitzfleisch bewiesen und kann den Daheimgebliebenen viele spannende und lustige Geschichten über miterlebte Bombenattentate und Kontrollen in Krisengebieten erzählen sowie tolle Aufnahmen atemberaubender Landschaften sowie jahrtausenderalter Kulturgüter vorzeigen und wird endlich die wohl durchaus ernstgemeinte Frage aus der Werbeanzeige verstehen:
FEELING SUPER FREAKY?
Na dann:
Auf zum Hippie Trail!
Wann fahren wir, Georg?

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